Wolfsburg ohne Ultras: der Gästeblock ohne Vorsänger
30.000 Zuschauer, ausverkauft, 12. Spieltag: Am 9. November 2013 verlor Borussia Dortmund in der Wolfsburger Arena mit 1:2, nach einem Ausgleich durch Ricardo Rodríguez in der 56. und dem Siegtreffer von Ivica Olić in der 69. Minute. Der Grund, warum über dieses Spiel danach in Dortmund geredet wurde, hatte mit dem Ergebnis nichts zu tun. Es war das erste Auswärtsspiel, bei dem eine Entscheidung des Vereins praktisch wirksam wurde.
Was der BVB entschieden hatte
Nach dem Revierderby vom 26. Oktober 2013 in der Gelsenkirchener Arena entzog Borussia Dortmund den drei Ultra-Gruppierungen „The Unity“, „Jubos“ und „Desperados“ die Auswärtsdauerkarten. Der Verein begründete den Schritt mit Pyrotechnik-Vorfällen und verwies auf intensive Gespräche mit der Polizei und mit Augenzeugen. Die Maßnahme galt für Bundesliga und DFB-Pokal, bis auf weiteres, mindestens aber für die laufende Saison; zusätzlich rechnete der Klub mit 20 bis 30 Stadionverboten aus den laufenden Ermittlungen. Bekannt gegeben wurde das in der Woche vor dem Spiel in Wolfsburg.
Zwei Dinge fielen am Zuschnitt auf. Erstens traf die Sanktion nicht Einzelpersonen, sondern Gruppen – und damit auch jeden, der in ihnen organisiert war, ohne selbst im Verdacht zu stehen. Zweitens erfasste sie ausdrücklich den DFB-Pokal, einen Wettbewerb, in dem es die Vorfälle nicht gegeben hatte, während die Europapokalspiele außen vor blieben. Ein Verein, der seine eigene Auswärtskurve kennt, weiß, welche Spiele er damit verschont.
Der Block ohne Vorsänger
Was in Wolfsburg zu hören war, beschrieben Berichte aus dem Gästeblock einhellig: Nach dem obligatorischen „Heja BVB“ zerfiel der Support. Links unten wurde ein anderes Lied angestimmt als rechts unten, weiter oben im Zweifel ein drittes. Kein Block singt von selbst im Gleichschritt; dass er es tut, ist das Ergebnis von Koordination – einem Vorsänger, einem Megafon, einer Gruppe, die weiß, welches Lied nach welchem kommt. Fehlt diese Schicht, bleibt nicht weniger Stimmung, sondern eine andere Akustik: viele kleine Anläufe, die sich gegenseitig übertönen.
Auffällig war für die Beobachter im Block ein zweiter Punkt. Ein erheblicher Teil der Zuschauer zeigte über 90 Minuten keine Absicht, sich am Support zu beteiligen – auf Stehplätzen weit vorne, die an diesem Tag frei geworden waren. Als Neven Subotić kurz vor der Halbzeit verletzt am Gästeblock vorbei vom Platz gebracht wurde, mischten sich in die „Neven-Subotić“-Rufe die Handykameras. Wer eine Kurve organisiert, verliert mit den Gruppen also nicht nur Sänger, sondern auch die Verabredung darüber, wofür der Platz vorne am Zaun eigentlich da ist.
Ein Jahr vorher, freiwillig
Die Situation hatte ein Vorbild, und zwar ein gewolltes. Ab dem 27. November 2012 blieben die Kurven in der ersten und zweiten Bundesliga in den ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden jedes Spiels stumm – die Aktion „12:12 – Ohne Stimme keine Stimmung“, gerichtet auf die DFL-Mitgliederversammlung vom 12. Dezember 2012, auf der über das Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ abgestimmt wurde. Der Protest funktionierte, weil er vorführte, wie ein Stadion ohne organisierten Support klingt.
Der Unterschied zwischen beiden Vorgängen liegt nicht im Klang, sondern in der Urheberschaft. 2012 war das Schweigen eine Entscheidung der Kurve und auf zwölf Minuten begrenzt. Ein Jahr später war es eine Folge der Kartenvergabe und dauerte 90 Minuten.
Aufgehoben erst zur Saison 2014/15
Der Entzug blieb über die Saison hinweg bestehen und wurde erst zur Saison 2014/15 aufgehoben. Wirksam war er allerdings nur kurz. Ohne Support blieben zwei Auswärtsspiele, Wolfsburg und Mainz; knapp vier Wochen später, im Achtelfinale des DFB-Pokals beim 1. FC Saarbrücken, prägten die Gruppen den Gästeblock wieder, weil sie über andere Kanäle an Karten gekommen waren (der Abend im Ludwigspark). Das ist die praktische Grenze einer Sanktion, die an Gruppen statt an Personen anknüpft: Sie erfasst ein Kontingent, keinen Zugang. Wie viele der Betroffenen in der Zwischenzeit über andere Wege an Auswärtskarten kamen, ist nie öffentlich beziffert worden – Kartenkontingente für Gästefans werden pro Spiel zugeteilt, die Weitergabe innerhalb einer Fanszene wird nicht erfasst. In den Aufstellungen, die Vereine und Verbände zu Auswärtsspielen führen, steht die Zahl der verkauften Tickets. Wer im Block steht und ob dort jemand anfängt zu singen, steht dort nicht.