FankulturDokumentation · Deutschland
Dortmund

Der BVB im Ludwigspark: ein Pokalabend in Saarbrücken

Am 3. Dezember 2013 trat Borussia Dortmund im Achtelfinale des DFB-Pokals beim 1. FC Saarbrücken an. Gelost worden war die Partie Anfang Oktober, und für einen Teil der Dortmunder Auswärtsfahrer war schon die Auslosung das Ergebnis: ein Abendspiel unter Flutlicht in einem Stadion, das gebaut wurde, als Fußballstadien noch keine Arenen hießen.

20.000 Stehplätze, kein Dach

Der Ludwigspark wurde 1953 eröffnet. 2013 fasste er rund 30.000 Zuschauer, davon knapp 8.000 auf Sitzplätzen. Der Rest des weiten Rundes bestand aus klassischen Stehplätzen, über 20.000 an der Zahl und ohne Überdachung – mehr Stehplätze also, als das Dortmunder Stadion selbst vorhält. Um das Spielfeld lief eine Laufbahn, an den Ecken standen Flutlichtmasten, und die Anzeigetafel war so grobpixelig, dass sie beim Einblenden der Mannschaftsaufstellung Gesichter nur andeuten konnte. Der sportliche Abstand zwischen beiden Klubs war entsprechend groß: Der Abstieg des FCS aus der Bundesliga lag zwanzig Jahre zurück, 2013 spielte er in der Dritten Liga.

Steigerlied über die Lautsprecheranlage

Bemerkenswert war der Empfang. Der Stadionsprecher begrüßte die Gäste ausdrücklich freundlich und stellte die Gemeinsamkeiten der beiden Regionen heraus – auch das Saarland war ein Bergbaurevier, und die Verantwortlichen ließen zum Pokalspiel das Steigerlied über die Lautsprecheranlage laufen. Rund zwanzig Minuten vor dem Anpfiff folgte ein Medley aus Bruno „Günna“ Knusts „Borussia“ und Andy Schades „Am Borsigplatz geboren“, in das der Gästeblock einstieg.

Dieser Gästeblock sah anders aus als drei Wochen zuvor. Nach den stimmlosen Auswärtsspielen in Wolfsburg und Mainz – der BVB hatte drei Ultra-Gruppen die Auswärtsdauerkarten entzogen (was in Wolfsburg gut zu hören war) – prägten die Gruppen den Block in Saarbrücken wieder, weil sie auf anderen Wegen an Karten gekommen waren. Doppelhalter und Schwenkfahnen waren zurück. Das ist die praktische Antwort auf die Frage, was ein Kartenentzug bewirkt, wenn Karten auch anders zu bekommen sind: Er verändert, wer im Block steht, nur solange niemand nachrückt.

„Entzündet den Funken Hoffnung!“

Für den FCS und seinen Anhang war die Partie das Spiel des Jahres, und die Heimkurve hatte eine Choreografie vorbereitet. Kurz vor dem Anpfiff hing ein großflächiges Banner mit der Aufschrift „Entzündet den Funken Hoffnung!“ – was sich als Ankündigung lesen ließ und auch so gemeint war. Mit Raketen und bengalischen Lichtern erhellte die Saarbrücker Kurve das Stadion; auch im Spielverlauf flackerte es mehrfach, vor allem im Block E2, den die dortige Gruppe „BOYS Saarbrücken“ als „Virage Est“ bezeichnet. Pyrotechnik war zu diesem Zeitpunkt der Kern der bundesweiten Sicherheitsdebatte und in jedem Stadion untersagt; in der Berichterstattung über solche Abende steht sie deshalb regelmäßig neben der Feststellung, dass sie das Bild geprägt hat.

Der gemeinsame Gegner hieß Viagogo

Politisch wurde der Abend zur Halbzeit, und zwar von beiden Seiten gegen dieselbe Adresse. Zum Wiederanpfiff hielt die Saarbrücker Kurve zwei Banner hoch: „Das meiste Geld aus einer Karte gemacht, Viagogo gehört abgeschafft“. Von der gegenüberliegenden Seite antwortete die Dortmunder Gruppe „The Unity“: „Aus 12 mach 100, aus 20 mach 250, Vianogo“.

Die beiden Zahlenpaare sind der Kern des Vorwurfs. Ein Stehplatzticket, das im Vereinsvorverkauf zwölf oder zwanzig Euro kostet, taucht auf einer Zweitmarkt-Plattform zum Vielfachen wieder auf, ohne dass Verein oder Käufer daran beteiligt sind – und bei einem Spiel wie diesem, ausverkauft und für den Gastgeber einmalig, ist der Aufschlag am höchsten. Dass zwei Fanlager, die sich sonst wenig zu sagen haben, dazu am selben Abend dieselbe Forderung formulieren, ist selten und gehört zu den wenigen Punkten, an denen Kurven bundesweit einer Meinung sind. Der Ticket-Zweitmarkt blieb in den Jahren danach ein Dauerthema.

Was aus dem Stadion wurde

Der Ludwigspark war zu diesem Zeitpunkt bereits sanierungsbedürftig; die Frage war nicht, ob gebaut wird, sondern wann. Damit war dieser Pokalabend auch eine Momentaufnahme eines Bautyps, der aus dem deutschen Profifußball verschwunden ist: Laufbahn, offene Steilkurven, eine Anzeigetafel mit sichtbaren Pixeln – und 20.000 Menschen, die im Dezember ohne Dach stehen.