Tausend Fans für die zweite Mannschaft
Die Amateure des TSV 1860 München holten in der Saison 2012/13 achtzig Punkte in der Regionalliga Bayern und spielten anschließend gegen den Zweiten der Regionalliga Südwest um den Aufstieg in die 3. Liga. Das Hinspiel fand am 29. Mai 2013 beim SV 07 Elversberg statt.
Der Andrang
Der Verfasser hatte mit vier- bis fünfhundert mitreisenden Anhängern gerechnet. Was er vor dem Waldstadion an der Kaiserlinde sah, überstieg das deutlich: Autos mit „1860“ im Kennzeichen, Schals in den Heckscheiben, Gedränge an der Gästekasse.
Zum Einlaufen zeigte der Gästeblock ein Banner mit der Aufforderung, Giesing in die dritte Liga zu schießen, begleitet von einem blauen Rauchtopf. Nach drei Minuten führten die Amateure.
Was daran der eigentliche Vorgang ist
Der Text nennt den Grund selbst, und er ist unbequem: Die Euphorie sei besonders bei denen groß gewesen, die mit den Profis aufgrund der Umstände – Investor, Arena – mehr oder weniger fremdelten.
Das ist der Befund. Eine Reservemannschaft in der vierten Liga wird für einen Teil der Anhängerschaft zum Ersatz für den eigenen Verein, wenn dieser als vereinnahmt gilt: Kein Geldgeber, kein Namensrechtestadion, Eintritt für wenige Euro, Spieler aus der eigenen Jugend.
Über die Lage bei den Profis in denselben Jahren steht in dieser Sammlung ein eigener Beitrag (Ein Investor kündigt den Rückzug an) – der Zuschauerandrang in Elversberg ist die andere Seite davon.
Warum das kein Münchner Sonderfall ist
Dasselbe Muster ist überall zu beobachten, wo ein Verein als entfremdet gilt: Zulauf zu Amateur-, Frauen- oder Jugendmannschaften, zu Traditionsvereinen der Nachbarschaft, zu Neugründungen. Es ist die einzige Form des Protests, die niemandem schadet und die sich nicht verbieten lässt.
Und es ist die aussagekräftigste, weil sie Aufwand kostet. Eine Fahrt von München ins Saarland zu einem Aufstiegsspiel der zweiten Mannschaft ist ein ganzer Tag – wer ihn aufbringt, äußert damit mehr als jedes Spruchband.
2:3 im Hinspiel, 1:1 in München
Das Hinspiel verloren die Amateure mit 2:3 nach 2:2-Halbzeitstand; daher der Titel des Beitrags. Das Rückspiel in München endete 1:1, womit Elversberg mit 4:3 aus beiden Partien weiterkam und in die 3. Liga aufstieg.
Der Aufstieg wäre für den Verein ohnehin eine besondere Lage gewesen: Eine zweite Mannschaft darf in Deutschland nicht in derselben Liga spielen wie die erste – und die erste stand in diesen Jahren mehrfach dicht am Abstieg aus der zweiten.
Was der Bericht festhält
Nicht ein Ergebnis, sondern eine Zählung: mehr Anhänger als erwartet, an einem Mittwochabend, 500 Kilometer entfernt, für ein Spiel der Reserve. Solche Zahlen erscheinen in keiner Zuschauerstatistik der Liga, und sie sind der genaueste verfügbare Messwert für die Bindung einer Fanszene an ihren Verein – gerade dann, wenn diese Bindung zur ersten Mannschaft gestört ist.