Notfall in der Schalker Kurve: als der Support verstummte
Es gibt Abende, an denen das Spiel nicht der Vorgang ist, über den hinterher geredet wird. Beim Bundesligaspiel zwischen dem FC Schalke 04 und Eintracht Frankfurt am 30. Spieltag der Saison 2013/14 brach in der 17. Minute vor der Schalker Südkurve einer der Großfahnenträger zusammen. Was in den folgenden Minuten in der Arena passierte, stand in keinem Sicherheitskonzept und in keiner Stadionordnung.
Die 17. Minute
Der Fahnenträger stand dort, wo er an jedem Heimspieltag stand: unten am Zaun, mit einer der schweren Schwenkfahnen, den Blick zur Kurve. Eine Fotografin am Spielfeldrand bemerkte den Zusammenbruch offenbar als Erste und machte auf ihn aufmerksam. Behandelt wurde er von einer Notärztin, dem Schalker Mannschaftsarzt und mehreren Sanitätern; er musste reanimiert werden. Das Spiel lief weiter. Nach etwa einer Viertelstunde war er so weit stabilisiert, dass er aus dem Stadion gebracht werden konnte.
Das Zeichen kam aus dem Gästeblock
Die erste Reaktion kam nicht von der Kurve, in der es passierte, sondern von der gegenüberliegenden Seite. Der Frankfurter Capo – die Person auf dem Podest, die mit dem Rücken zum Spielfeld steht und den Support anleitet – stellte ihn ein. Das ist kein kleiner Vorgang. Support in einem Gästeblock ist organisiert: Wer welches Lied wann anstimmt, hängt an einer Person mit Megafon, und genau dieser Mechanismus wird im Sicherheitsdiskurs jener Jahre regelmäßig als Problem beschrieben. An diesem Abend funktionierte er in die andere Richtung.
Bemerkenswert war das auch deshalb, weil ausgerechnet diese Szene in der überregionalen Berichterstattung sonst vor allem im Zusammenhang mit Ausschreitungen und Pyrotechnik vorkam. Es dauerte, bis die Information durch die übrigen Blöcke gelaufen war; dann wurde es auch dort still. Als der Fahnenträger abtransportiert wurde, applaudierten beide Kurven.
Was am Tag danach berichtet wurde
Die Fernsehübertragung hatte die Szene zunächst nicht als solche erkannt. Nach dem Abpfiff führte der Reporter des Bezahlsenders die auffällig verhaltene Stimmung auf die schwache erste Halbzeit zurück und musste von Schalkes Trainer Jens Keller darauf hingewiesen werden, was tatsächlich passiert war. In den Spielberichten des nächsten Morgens kam der Vorgang kaum vor.
Aufgegriffen wurde er zuerst von Fachmedien und Zeitungen im Ruhrgebiet, in denen auch Schalkes Manager Horst Heldt das Verhalten der Zuschauer ausdrücklich lobte. Erst danach erschien der Text, der die Szene überregional festhielt: Respekt für das Gespür der Frankfurter Fans. Diese Reihenfolge – Spielbericht, dann Regionalpresse, dann überregionale Einordnung – ist für Vorgänge auf den Rängen typisch, wenn sie nicht in eine Statistik passen.
Der medizinische Befund
Bei dem Fahnenschwenker wurde eine Verengung der Halsschlagader festgestellt, die operiert werden musste. Beide Vereine gaben in den Tagen darauf über ihre eigenen Kanäle Auskunft über seinen Zustand; Zeitungen des Ruhrgebiets berichteten anschließend, der Eingriff sei erfolgreich verlaufen. Eintracht Frankfurt meldete über die eigene Facebook-Seite, dem Betroffenen gehe es den Umständen entsprechend gut; Schalke teilte kurz darauf mit, sein Zustand habe sich deutlich gebessert. Dass diese Informationen überhaupt öffentlich wurden, lag an den Vereinen selbst, nicht an einer Pressestelle der Verbände.
Ein Vorgang ohne Vorschrift
Für den Fall, dass ein Zuschauer im Block reanimiert werden muss, gibt es Sanitätsdienste, Rettungswege und Einsatzpläne. Für die Frage, was 50.000 Menschen in dieser Zeit tun, gibt es nichts. Sie wird in Sekunden von einer Person mit einem Megafon entschieden, und danach entweder befolgt oder nicht.
Dass es sich um eine eingeübte Reaktion handelt und nicht um einen Einzelfall, zeigte sich nicht einmal zwei Jahre später am Böllenfalltor in Darmstadt: Dort kam der Zusammenbruch auf der Haupttribüne, der schweigende Block war der Schalker, und ein Zeichen brauchte es nicht mehr (der Nachmittag in Darmstadt).In den Größen, mit denen über Zuschauerverhalten diskutiert wird – Einsatzstunden, Ermittlungsverfahren, ausgesprochene Stadionverbote, Zahl der abgebrannten Pyrotechnikartikel – kommt ein solcher Abend nicht vor. Er hinterlässt keinen Wert in einer Tabelle. Deshalb existiert er nur in den Berichten derer, die dabei waren, und in den zwei oder drei Texten, die ihn aufgeschrieben haben.