Am Böllenfalltor: eine Auswärtsfahrt und ein Notfall
Am 30. Januar 2016 spielte der SV Darmstadt 98 am Böllenfalltor gegen den FC Schalke 04. Für die Gäste bedeutete das rund 600 Kilometer Anreise, einen unüberdachten Gästeblock und eine Wetterprognose von 90 Prozent Regenwahrscheinlichkeit bei fünf Grad und Sturmböen. Beides trat ein: Schalke gewann durch Treffer von Max Meyer kurz vor der Halbzeit und Leroy Sané nach Vorarbeit Meyers, und es regnete ab der 30. Minute in den Block.
Es war der 19. Spieltag, das Stadion am Böllenfalltor war mit 17.000 Zuschauern ausverkauft, und der Gastgeber war der Aufsteiger der Saison. Max Meyer traf in der 43. Minute, Leroy Sané in der 53. nach Vorarbeit Meyers; für Schalke war es nach längerer Zeit wieder ein Auswärtssieg.
Ein Stadion, das es so nicht mehr gibt
Das alte Böllenfalltor war 2016 ein Bundesligastadion, das keines mehr sein wollte: ein Fußweg durch Wald und Matsch zum Gästeeingang, ein Block ohne Dach, ein Rasen, über den sich beide Seiten einig waren. Mit 17.000 Plätzen gehörte es zu den kleinsten Stadien der Liga, und der Weg dorthin führte die Anreisenden durch ein Polizeispalier und anschließend über einen Waldweg. In den Berichten jenes Nachmittags fällt auf, wie viele Auswärtsfahrer genau das als Grund für die Fahrt nannten und nicht als Zumutung. Das ist kein Nebenaspekt der Debatte über moderne Stadien, sondern der Kern des Streits: Was die eine Seite als überholten Zustand beschreibt, ist für die andere das Produkt.
„Es ist kein Derby ohne Gäste!“
Die Heimkurve entrollte im Laufe des Spiels ein Transparent mit der Aufschrift „Eure Strafen sind das Letzte. Es ist kein Derby ohne Gäste!“ – gerichtet gegen die damals verbreitete Praxis, Vereine nach Vorfällen mit Auflagen für Auswärtsfans zu belegen: mit gekürzten Kartenkontingenten oder mit Spielen unter komplettem Ausschluss der Gästefans. Der Adressat solcher Banner ist die Verbandsgerichtsbarkeit, und ihr Argument ist immer dasselbe: Die Strafe trifft nicht die Verursacher, sondern die Anreisenden, und ein Spiel ohne Gästeblock ist ein anderes Spiel.
Das DFB-Sportgericht verhängte in jenen Jahren neben Geldstrafen regelmäßig Auflagen, die den Gästeblock betrafen: gekürzte Kontingente, Teilsperrungen, in einzelnen Fällen Spiele unter vollständigem Ausschluss der Gästefans. Wer eine solche Sanktion verhängt, sanktioniert den Verein; wer sie trägt, sind die Auswärtsfahrer des nächsten Spiels, die mit dem Anlass in aller Regel nichts zu tun haben.
Bemerkenswert war an diesem Transparent, aus welcher Richtung es kam. Es hing nicht im Gästeblock, sondern in der Heimkurve – eine Kurve protestierte gegen eine Strafe, die sie selbst nicht trifft. Dasselbe Motiv trägt den Rest dieses Nachmittags.
Der Zusammenbruch auf der Haupttribüne
In der zweiten Halbzeit wurde im Gästeblock sichtbar, dass es gegenüber auf der Haupttribüne einen Notfall gab: Sanitäter, Notärzte und Feuerwehrleute behandelten und reanimierten eine am Boden liegende Person. Der Schalker Support kam zum Stillstand, ohne dass jemand dazu aufgefordert werden musste. Als der Betroffene so weit stabilisiert war, dass er mit dem Rettungswagen in ein Krankenhaus gebracht werden konnte, wurde applaudiert. Es handelte sich, wie die Darmstädter Seite anschließend mitteilte, um einen aktiven Fan aus dem eigenen Anhang.
Noch am selben Abend erschienen in Darmstadt die ersten Dankesbekundungen für das Verhalten der Gäste; die lokale Berichterstattung griff es am Tag darauf auf.
Zum zweiten Mal derselbe Ablauf
Der Vorgang war zu diesem Zeitpunkt nicht neu. Nicht einmal zwei Jahre zuvor, im April 2014, hatte in Gelsenkirchen der Frankfurter Gästeblock den Support eingestellt, als ein Schalker Fahnenträger vor der Südkurve zusammenbrach und reanimiert werden musste – und das ganze Stadion war nachgezogen (der Ablauf jenes Abends). Damals kam das Zeichen vom Capo des Gästeblocks, in Darmstadt geschah es ohne Ansage.
Zwei Fälle sind keine Statistik. Sie zeigen aber, dass es eine eingeübte Reaktion gibt, für die es keine Regel gibt: Support wird eingestellt, es wird still, und beim Abtransport wird applaudiert. In keinem Sicherheitskonzept und in keiner Richtlinie steht, wie sich eine Kurve in dieser Lage verhält. Sie verhält sich trotzdem jedes Mal gleich.