FankulturDokumentation · Deutschland
Kurvenstar

Zwei Zugänge zum selben Stadion

Über Logen und Hospitality-Bereiche urteilt eine Kurve selten freundlich, und die Bilder dazu liefern die Übertragungen mit: halb leere Reihen zum Anpfiff, Gläser statt Schals, Applaus statt Gesang. Im Oktober 2014 hat eine langjährige Besucherin der Gelsenkirchener Nordkurve das von innen angesehen – bei einem Länderspiel im Hospitality-Bereich derselben Arena.

Der Befund, der über den Abend hinausreicht

Der wichtigste Unterschied betraf nicht die Bewirtung, sondern den Weg hinein. Zum Ticket gehörte ein Parkplatz im nahen Bereich; und die Eingangskontrolle entfiel, sobald der Zugangschip vorgezeigt wurde.

Dieser Satz gehört in den Zusammenhang seiner Zeit. 2014 lag die Abstimmung über das Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ knapp zwei Jahre zurück; verstärkte Eingangskontrollen bei Spielen mit erhöhtem Risiko waren beschlossen, Ganzkörperkontrollen ausdrücklich nicht ausgeschlossen, und in Stuttgart hatten Zuschauer sich vollständig entkleiden müssen. Wer in dieser Zeit einen Stehplatz betrat, war Gegenstand eines Sicherheitskonzepts. Wer eine Akkreditierung vorzeigte, war es nicht.

Damit ist ein Widerspruch benannt, der in der ganzen Sicherheitsdebatte selten vorkommt: Ein Konzept, das die Gefahr am Zuschauer festmacht, kontrolliert nicht den Zuschauer, sondern eine Zuschauerkategorie.

Warum in diesen Bereichen weniger gesungen wird

Die zweite Beobachtung erklärt, was Kurven sonst als Charakterfehler auslegen. In den Reihen des Hospitality-Bereichs war der Altersschnitt deutlich höher – Besucher jenseits der vierzig senkten ihn. Die Kleidung gehörte zum Anlass: Sakkos, Anzüge, einzelne Trikots. Und der Ablauf des Abends war ein anderer, weil Bewirtung und Gespräch ihn strukturieren.

Aus diesen drei Umständen folgt das, was man von außen als Desinteresse liest. Support ist keine Eigenschaft von Menschen, sondern eine Verabredung: Er braucht dieselben Leute an denselben Plätzen über Jahre, jemanden, der anstimmt, und die Sicherheit, dass die Reihe mitgeht. Ein Bereich, in dem das Publikum jedes Spiel wechselt und in dem niemand seinen Nachbarn kennt, kann das nicht herstellen – unabhängig davon, wie zugewandt die Einzelnen sind.

Die halb leeren Reihen

Bleibt der Vorwurf, der am häufigsten fällt: dass die Plätze zum Vereinslied, zum Anpfiff und in der Viertelstunde nach der Pause nur spärlich besetzt sind. Er trifft zu, und er hat eine banale Ursache – die Bewirtung liegt in genau diesen Minuten.

Was er nicht trägt, ist die Schlussfolgerung, diese Bereiche gehörten abgeschafft und in bezahlbare Plätze umgewandelt. Ein Stadion finanziert die günstigen Stehplätze über die teuren Bereiche mit; wer beides gegeneinander stellt, verhandelt in Wahrheit über die Preisstruktur und nicht über Stimmung.

Was aus dem Selbstversuch zu lernen ist

Über eine Zuschauergruppe zu urteilen, deren Umfeld man nicht kennt, führt regelmäßig zu Aussagen über Charakter, wo Aussagen über Bedingungen richtig wären. Dieser Abend hat beides geliefert: eine Erklärung dafür, warum ein Hospitality-Bereich keine Kurve wird – und einen Sicherheitsbefund, den man von einem Stehplatz aus nie erheben könnte.

Häufige Fragen

Verfahren und Fristen

Worum ging es bei dem Besuch?

Um ein EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft in der Gelsenkirchener Arena im Oktober 2014, verfolgt aus einem Hospitality-Bereich statt von einem regulären Platz – als Selbstversuch einer langjährigen Stehplatzbesucherin.

Was war der auffälligste Unterschied?

Die Eingangskontrolle. Sie entfiel gegen Vorlage des Zugangschips – in denselben Jahren, in denen für Stehplatzbesucher verstärkte Kontrollen bis hin zu Ganzkörperkontrollen diskutiert und praktiziert wurden.

Warum wird in Logen weniger unterstützt?

Weil dort andere Menschen sitzen: ein deutlich höherer Altersschnitt, Kleidung, die zum Anlass gehört, und ein Ablauf, in dem Bewirtung und Gespräch die Struktur des Abends bilden. Support entsteht aus Verabredung unter Gleichgesinnten, nicht aus einem Sitzplatz.