Wenn das Stadion weit weg liegt
Über die Bindung an einen Verein wird meist so geschrieben, als wäre sie eine Frage der Haltung. Sie ist zu einem erheblichen Teil eine Frage der Entfernung – und die ändert sich im Leben der meisten Menschen mindestens einmal.
Drei Stufen
Der Bericht beschreibt sie an eigenen Zahlen. Vom Stadiontor bis zur Haustür lagen zuerst 35 Kilometer: eine kurze Fahrt, jedes Heimspiel, ein Bier auf dem Weg, Stehplatz. Nach dem Studium waren es 125: eine lange Bahnfahrt, gehetzt zur Einlasskontrolle, etwa einmal im Monat. Nach dem zweiten Umzug 285 Kilometer – und damit die Schwelle, an der es zwischen Arbeit und Alltag praktisch nicht mehr geht.
Auf jeder Stufe fällt etwas anderes weg, und es ist nie das Spiel. Es sind die Wege dorthin, die Leute im Zug, der immer gleiche Ablauf, die Selbstverständlichkeit. Was bleibt, ist die Übertragung – und die ersetzt genau den Teil nicht, den man verloren hat.
Warum diese Ebene in keiner Debatte vorkommt
Anstoßzeiten, Ticketpreise und Kartenkontingente werden verhandelt, als beträfen sie alle Zuschauer gleich. Tatsächlich treffen sie Menschen nach Entfernung gestaffelt: Ein Freitagabendspiel ist für den Nachbarn des Stadions ein guter Termin und für den 285 Kilometer entfernten Dauerkarteninhaber ein Urlaubstag. Genau daran hing auch der Streit über den Montagstermin, der 2021 zugunsten der Kurven entschieden wurde.
Dasselbe gilt für die Umstellung von Stehplätzen, für Anreiseauflagen und für jede kurzfristige Terminverlegung durch die Fernsehvermarktung. Wer nahe wohnt, verliert Bequemlichkeit; wer weit weg wohnt, verliert das Spiel.
Das zweite Stadion
Beschrieben wird noch eine Folge, die selten benannt wird: In der neuen Stadt geht man ins dortige Stadion, weil ein Sonntag mit Bier auf dem Stehplatz besser ist als kein Sonntag. Das lindert die Sehnsucht und verschärft sie gleichzeitig – der Ablauf ist derselbe, die Bindung ist es nicht.
Damit ist auch die verbreitete Einteilung erledigt, nach der jemand entweder Fan eines Vereins ist oder nicht. Ein zweites Stadion ist kein zweiter Verein, sondern ein Ersatz für einen Weg, den man nicht mehr fahren kann.
Was an dem Bericht dokumentarisch ist
Nicht das Gefühl, sondern die Rechnung dahinter: geopferte freie Tage, aufgeteilter Urlaub, Überstunden, die passend abgebaut werden, und das Verständnis von Vorgesetzten und Kollegen als Voraussetzung. So sieht der Aufwand aus, mit dem ein Teil des Publikums die Zuschauerzahlen erzeugt, auf die sich die Liga in jeder Vermarktungsrunde beruft.
Und es erklärt, warum Auswärtsfahrten in Fanszenen einen anderen Rang haben als Heimspiele. Wer weit weg wohnt, für den ist ein Auswärtsspiel nicht die anstrengendere Variante, sondern manchmal die einzige erreichbare: Ein Spiel in der eigenen Region ist näher als das eigene Stadion. Aus dieser Rechnung entstehen die Fahrgemeinschaften, die in keiner Zuschauerstatistik als eigene Gruppe auftauchen.