FankulturDokumentation · Deutschland
Kurvenstar04

Eine angemeldete Demonstration

Fanproteste finden fast immer im Stadion statt: Spruchband, Schweigen, Stimmungsboykott, Choreografie. Am 21. September 2013 wählte die Schalker Fanszene ein anderes Mittel und verlegte den Protest aus dem Stadion heraus – als angemeldete Demonstration durch die Stadt.

Drei Fanorganisationen als Aufrufer

Aufgerufen hatten drei unabhängige Fanorganisationen: der Supporters Club, die Ultras GE und die Faninitiative. Rund 2 000 Menschen zogen von der Glückauf-Kampfbahn, dem historischen Stadion des Vereins, zur Tausend-Freunde-Mauer, wo eine Abschlusskundgebung mit Redebeiträgen stattfand.

Anlass war der Polizeieinsatz vom 21. August 2013, bei dem Beamte während eines Champions-League-Qualifikationsspiels in die Nordkurve vorgedrungen waren – dokumentiert in einem eigenen Beitrag, samt der Entscheidung, die das Verwaltungsgericht Jahre später traf. Im Heimspiel danach hatte die Kurve bereits mit einer Choreografie reagiert; der zuständige Innenminister des Landes wies die Kritik zurück.

Warum die Form entscheidend war

Eine Demonstration ist ein grundrechtlich geschützter Vorgang mit einem Anmelder, einer Route, einer Auflagenlage und einer Versammlungsleitung. Wer sie wählt, verlässt den Raum, in dem über Fans als Zuschauer verhandelt wird, und betritt den, in dem über Bürger verhandelt wird.

Das hat zwei Folgen. Erstens ist der Protest nicht mehr über die Stadionordnung sanktionierbar – es gibt kein Hausrecht auf einer öffentlichen Straße. Zweitens verschiebt sich der Adressat: Ein Spruchband richtet sich an den Verein und die Übertragung, ein Marsch durch die Stadt an die Landespolitik.

Die Forderung

Verlangt wurde nach den Berichten jener Tage ein runder Tisch – also ein Verfahren, in dem Verein, Fanorganisationen, Polizei und Politik denselben Vorgang gemeinsam nachbesprechen. Das ist eine bemerkenswert kleine Forderung für 2 000 Teilnehmer: keine Entlassung, keine Entschädigung, keine Gesetzesänderung, sondern eine Sitzung.

Genau darin liegt ihre Stärke. Eine Forderung, die niemandem etwas nimmt, lässt sich nur mit dem Argument abweisen, dass man nicht reden will – und dieses Argument muss ausgesprochen werden.

Was der Tag über Fanproteste zeigt

Er widerlegt die verbreitete Annahme, Kurven könnten nur eskalieren oder schweigen. Angemeldet, mit Rednern, mit Plakaten, die in der überwiegenden Mehrheit keine Beleidigungen trugen, und mit einer benannten Forderung: Das ist die Form, in der jede andere Interessengruppe in Deutschland Kritik äußert.

Und er zeigt die Grenze desselben Mittels. Ein Demonstrationszug von 2 000 Menschen in einer Stadt mit einem Verein erzeugt lokale Aufmerksamkeit; die Zuständigkeit für Polizeieinsätze liegt beim Land. Genau dieser Einwand wurde in der Diskussion nach der Demonstration formuliert – wirksam wäre ein gemeinsamer Zug der Fanszenen des Landes vor dem Landtag gewesen. Zustande gekommen ist er nicht.

Bemerkenswert ist zuletzt der Ausgangspunkt der Route. Die Glückauf-Kampfbahn ist das Stadion, in dem der Verein seine ersten Meisterschaften gewann, und liegt mitten im Stadtteil. Ein Zug, der dort beginnt und an einer Mauer mit den Namen von Vereinsmitgliedern endet, argumentiert schon durch seine Strecke: Er verortet den Protest in der Vereinsgeschichte und nicht in der Gegenwart eines einzelnen Spieltags.