Rundgang durch Schalke
Der Stadtteil Schalke ist über einen Fußballverein weltweit bekannt geworden, und in den Gesängen der Kurve kommt er als Mythos vor. Eine Führung durch das Viertel, organisiert von einem Mitglied des Supporters Club, prüft diesen Mythos an den Orten, die es noch gibt.
Die Stationen
Begonnen wurde an der Pfarrkirche St. Joseph – nach Angabe des Berichts vermutlich die einzige Kirche Deutschlands mit einem entsprechenden Bezug zum Verein. Weiter führte der Weg zum Schalker Markt, dem alten Zentrum des Viertels, das heute ein tristes Parkplatzareal ist.
Dort stand die Vereinskneipe, die in der Erinnerung des Viertels als Mutter Thiemeyers Lokal weiterlebt; in der Nähe lagen die Schächte der Zeche Consol, aus denen die „tausend Feuer in der Nacht“ der Vereinslieder kommen. Vorhanden ist von diesem Zentrum nichts mehr.
Was die Führung leistet
Sie macht die Differenz zwischen Gesang und Gegenwart sichtbar, und das ist eine unangenehmere Arbeit als eine Stadionführung. Wer den Mythos vom Schalker Markt kennt und dann auf einem Parkplatz steht, versteht zwei Dinge gleichzeitig: dass die Lieder von einem Ort erzählen, der nicht mehr existiert – und dass genau darin ihre Funktion liegt.
Der Bericht formuliert den Zugang, mit dem der Erzähler die Gruppe empfing: sich darauf einlassen, den Stadtteil und seine Verbindung zum Verein sehen, riechen, schmecken, fühlen. Vier Stunden lang, und jeder erlebte sie anders – Ältere, Jüngere, Einheimische und Zugezogene.
Vereinsgeschichte außerhalb des Museums
Die Führung nimmt die Vereinsgeschichte aus dem Museum heraus. Ein Vereinsmuseum zeigt Pokale und Trikots; eine Führung durch das Viertel zeigt Straßen, Kirchen und Zechengelände und verbindet die Vereinsgeschichte mit der Industriegeschichte, aus der sie hervorgegangen ist.
Und weil sie von Anhängern gemacht wird, nicht vom Verein. Die Route richtet sich nach den Interessen der jeweiligen Gruppe, es gibt kein festes Programm, und der Ton ist der des Viertels – deutliche Ansagen inklusive.
Weltweit bekannt aus einem Grund außerhalb des Fußballs
Die Frage, warum ein Stadtteil einer mittelgroßen Ruhrgebietsstadt weltweit bekannt ist, hat eine Antwort, die nicht im Fußball liegt: Zuwanderung, Zechen, Stahl und eine Arbeiterschaft, die sich ihre eigenen Vereine gründete. Dieselbe Konstellation steht am Anfang der Dortmunder Vereinsgründung, dreißig Kilometer entfernt und mit einer Kirche als Gegenspieler.
Was von einem solchen Nachmittag bleibt
Kein Ergebnis, sondern ein Maßstab. Wer den Schalker Markt gesehen hat, singt das Lied darüber anders – und wer über Kommerzialisierung und Identität streitet, hat mit dem Viertel einen Vergleichspunkt, an dem sich messen lässt, was in hundert Jahren tatsächlich verloren gegangen ist und was erst in den letzten zwanzig.
Der Name des Vereins und der Ort
Bemerkenswert ist die Reihenfolge, die eine solche Führung nebenbei klarstellt: Der Verein ist nach dem Stadtteil benannt und nicht umgekehrt. Schalke war ein eigenständiger Ort, der 1903 in Gelsenkirchen eingemeindet wurde; der Verein entstand kurz darauf aus einem Schülerverein des Viertels.
Dass der Stadtteilname heute international bekannter ist als der Stadtname, ist das Ergebnis von hundert Jahren Sportgeschichte – und der Grund, aus dem eine Führung durch ein Viertel mit gut zwanzigtausend Einwohnern Teilnehmer aus mehreren Bundesländern anzieht.