Die Fete vor dem Spiel
Seit Jahren richtete ein Münchner Fanclub des FC Schalke 04 anlässlich des Auswärtsspiels bei den Bayern eine große Fete aus. Der Bericht aus dem Februar 2013 beschreibt sie – und hält dabei fest, was an diesem Tag nebenbei stattfand.
Ab 10.04 Uhr in einer Halle am Isarufer
Ab 10.04 Uhr kamen Anhänger aus dem gesamten Bundesgebiet in eine Halle am Isarufer. Gegen halb eins spielte eine Blaskapelle, es gab Wettbewerbe um das beste Outfit, um die längste Schallänge und um die weiteste Anreise – gewonnen nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen von Mitgliedern eines Hamburger Fanclubs.
Das klingt nach Vereinsheimfolklore und ist eine erhebliche organisatorische Leistung: eine gemietete Halle, ein Programm, Verpflegung und einige hundert Gäste, ehrenamtlich gestemmt von einem Fanclub, der selbst als Auswärtsfahrer anreist.
Was daneben lief
Im Bericht steht ein Satz, der den Tag datiert: Die Unterschriftenaktion gegen die Zusammenarbeit des Vereins mit einer Ticket-Zweitmarktplattform fand regen Anklang.
Damit ist eine Fanfete gleichzeitig eine politische Veranstaltung, ohne dass sie so angekündigt wäre. Wer erklären will, wie eine Kampagne in einer Fanszene Reichweite bekommt, findet hier die Antwort: nicht über Aufrufe, sondern über die Termine, zu denen die Leute ohnehin zusammenkommen. Der Verlauf dieses Streits ist in dieser Sammlung gesondert dokumentiert (Übersicht).
Der zweite bemerkenswerte Satz
Der Autor hält fest, dass an diesem Tag fern von den Grabenkämpfen der vorangegangenen Wochen gemeinsam diskutiert, gefeiert und gelacht wurde.
Diese Wochen waren die, in denen die Schalker Fanszene sich über denselben Vertrag zerlegte – mit Krisensitzungen, Austritten aus dem Fanclub-Verband und öffentlich ausgetragenen Vorwürfen. Dass eine Fete das für einen Tag aufhebt, ist keine Nebensache: Sie ist der einzige Anlass, bei dem Leute zusammenstehen, die sich in Foren nicht mehr grüßen.
Die Infrastruktur, die in keiner Chronik vorkommt
Solche Termine sind die Infrastruktur der Fanszenen. Über Choreografien, Proteste und Sanktionen wird geschrieben; die Fanclubs, die Hallen mieten, Busse organisieren und Unterschriftenlisten auslegen, tauchen nur als „die Fans“ auf.
Der Ertrag ist an diesem Beispiel messbar: Eine Unterschriftenaktion, die im Stadion vom Vereinsgelände verwiesen wurde, lag in einer Münchner Halle aus und wurde dort unterschrieben.
Die Pointe des Titels
Sie ist das Urteil über den sportlichen Teil des Tages: Die Fete war gelungen, das Spiel nicht. Der Verfasser schlägt vor, die Mannschaft solle sich an der Feier ein Beispiel nehmen – was für einen Auswärtstag in München das übliche Verhältnis beschreibt und für diesen Bericht die richtige Reihenfolge ist: Der Tag bestand aus mehr als neunzig Minuten.
Die Beobachtung, die man nur als Gast macht
Am Rand des Berichts steht eine Bemerkung über die U-Bahn-Fahrt zum Stadion: dass die Anhänger des Gastgebers dort nicht sangen. So etwas ist eine Sticheleifigur und gleichzeitig ein Datum über zwei verschiedene Publikumsarten – eines, das am Spieltag anreist, und eines, das zum Spieltag fährt.
Genau diese Unterscheidung trägt die halbe Sammlung. Ein Auswärtsfahrer, der acht Stunden unterwegs ist, verhält sich anders als ein Zuschauer, der zwanzig Minuten braucht; und die Konflikte über Anstoßzeiten, Kontingente und Kontrollen laufen fast alle entlang dieser Grenze.