Oberliga statt Bundesliga
Weil die Fahrt zum Auswärtsspiel der eigenen Mannschaft nicht möglich war, griff die Verfasserin zu einer Ersatzlösung: ein Stadtderby der Oberliga Niederrhein in Krefeld. Der Titel fasst die Haltung zusammen – Champions League oder Oberliga, Hauptsache Fußball.
Der biografische Teil
Sie wuchs in Sichtweite der Grotenburg auf und machte dort ihre ersten Schritte als Fan, zu Zeiten des damaligen Bundesligavereins Bayer Uerdingen – bevor sie 1983 anlässlich von Relegationsspielen zu dem Verein wechselte, dem sie seither folgt.
Das ist eine Fanbiografie in zwei Sätzen und beschreibt einen Vorgang, der in den achtziger Jahren im Ruhrgebiet und am Niederrhein häufig war: Der Verein vor der Haustür stieg ab und verschwand, der große Verein der Region blieb.
Was sie im Stadion vorfindet
Zivile Preise – der Beitrag verabschiedet ironisch die „moderate Anpassung“ der großen Vereine –, und am Eingang die Bitte um einen Euro für die Jugend, die sie gern erfüllt.
Dann die Vergangenheit: Zu wenig habe sich in fünfundzwanzig Jahren geändert, das Stadion bröckelt. Damit ist der Zustand eines Ortes beschrieben, an dem einmal Bundesliga gespielt wurde – dieselbe Beobachtung wie in dem Beitrag über Hof: Der Verein steigt ab, die Tribüne bleibt.
Die Nebenfrage, die keine ist
Die Verfasserin stellt sich die Frage, was sie anziehen soll – ob beim Fußball etwas anderes als die eigenen Vereinsfarben in Betracht kommt – und löst sie mit einer dezent dunkelblauen Jacke.
Dieselbe Autorin hat wenige Monate später aufgeschrieben, dass es in der Damenabteilung des Vereinsshops keine einzige Jacke in Vereinsfarben gab. Beide Texte zusammen beschreiben denselben Vorgang von zwei Seiten: die Selbstverständlichkeit, mit der Vereinsfarben getragen werden – und ein Sortiment, das sie nicht anbietet.
Eine Durchlässigkeit, die bestritten wird
Der Besuch zeigt eine Durchlässigkeit, die in Debatten über Fankultur bestritten wird. Ein Anhänger eines Champions-League-Teilnehmers fährt an einem freien Samstag in die fünfte Liga, zahlt Eintritt an der Kasse und spendet einen Euro für die Jugendabteilung eines fremden Vereins.
Das ist keine Romantik, sondern die Beschreibung eines Publikums, das nicht an einen Verein gebunden ist, sondern an eine Praxis: hingehen, stehen, zuschauen.
Der Ort heute
Die Grotenburg ist nach jahrelanger Sanierungsdebatte umgebaut worden und wird wieder bespielt – von dem Verein, der dort auch 2013 spielte und der in dieser Sammlung an anderer Stelle vorkommt, als Gastgeber eines Regionalliga-Auftaktspiels mit einer Polizeibegleitung, die in keinem Verhältnis zum Anlass stand.
Was den Text über den Nachmittag hinaus trägt
Die Feststellung, dass sich zu wenig verändert hat. Fünfundzwanzig Jahre nach den Bundesligajahren steht dieselbe Anlage, bröckelnd, mit denselben Wegen und denselben Sichtachsen – und das ist der Grund, aus dem solche Besuche für Anhänger überhaupt funktionieren: Man kommt an einen Ort zurück, der sich nicht angepasst hat.
Genau dieser Umstand ist in modernen Arenen ausgeschlossen. Ein Neubau kann viele Qualitäten haben; die Erfahrung, nach einem Vierteljahrhundert dieselbe Stufe zu betreten, gehört nicht dazu.