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Kurvenstar

Der Blocksturm in der Nordkurve: was am Abend geschah

Am Abend des 21. August 2013, während des Champions-League-Qualifikationsspiels des FC Schalke 04 gegen PAOK Saloniki, drangen Polizeikräfte in die Nordkurve ein. Der Ablauf lässt sich aus den Schilderungen jener Tage genau rekonstruieren, und er erklärt, warum der Vorgang über Gelsenkirchen hinaus diskutiert wurde.

Zugriff von zwei Seiten

Der Zugriff erfolgte von zwei Seiten: drei Einsatzzüge von oben durch die zentralen Mundlöcher, dazu eine Gruppe von mindestens fünfzig Beamten von unten. Betroffen war ein Bereich, in dem eine vierstellige Zahl von Zuschauern stand. Eingesetzt wurden Schlagstöcke und Pfefferspray. Nach mehreren Schilderungen bekamen auch Sanitäter und Helfer, die verletzte Jugendliche aus der Menge führen wollten, Reizgas ab.

Der Zeitpunkt ist der auffälligste Teil der Rekonstruktion. Ausgelöst wurde der Einsatz nach den vorliegenden Darstellungen durch eine Blockfahne befreundeter mazedonischer Ultras aus Skopje, von der wegen des angespannten Verhältnisses zwischen Griechenland und Mazedonien eine Provokation der Gästefans ausgegangen sein soll. Diese Fahne hing jedoch schon vor dem Anpfiff im Block. Der Zugriff erfolgte erst im Trubel nach dem Ausgleichstor in der 73. Minute.

Die Fahne und ihre Vorgeschichte

Wegen der Fanfreundschaft war das Banner kein Einzelfall: Es tauchte bei Heimspielen mehrfach auf, unter anderem im Jahr davor gegen Olympiakos Piräus, also gegen einen weiteren griechischen Gegner. Nach den damaligen Berichten soll die Polizei als Begründung sogar Volksverhetzung genannt haben – ein Vorwurf, der nach § 130 StGB Aufstacheln zum Hass oder einen Angriff auf die Menschenwürde voraussetzt und für eine Fangruppenfahne schwerlich trägt.

Damit stand die Frage im Raum, die den Vorgang über Wochen begleitete: Wenn dieselbe Fahne zuvor unbeanstandet hing, war das Problem dann die Fahne – oder die Reaktion darauf, die man an diesem Abend erwartete? Vier Jahre später hat ein Gericht dazu eine Antwort gegeben, die in der Kurve nicht erwartet wurde (das Urteil und der Protest davor).

Was der Verein sagte

Bemerkenswert war die Reaktion des Klubs. Der FC Schalke 04 verurteilte den Einsatz umgehend und deutlich: überzogen, nicht abgestimmt, unverhältnismäßig. Ein Verein, der sich in dieser Klarheit gegen einen Polizeieinsatz im eigenen Stadion stellt, ist die Ausnahme – die üblichere Reaktion ist eine Formel über die noch laufende Aufklärung.

Auffällig war auch, wer sich im Stadion anschloss. Nach den Schilderungen jenes Abends beteiligten sich Sitzplatzbesucher, die dem aktiven Anhang sonst kritisch gegenüberstehen, an den Rufen gegen den Einsatz. Ein Vorgang, der die üblichen Trennlinien in einem Stadion aufhebt, ist ein Hinweis darauf, wie er im Stadion wahrgenommen wurde.

Die Woche davor

Der Einsatz stand nicht allein. In derselben Woche hatte es einen Polizeikessel in Dortmund gegeben; es war die zweite Maßnahme gegen nordrhein-westfälische Fußballfans binnen weniger Tage, die von unbeteiligten Beobachtern nicht nachvollzogen wurde. In der Sicherheitsdebatte jener Jahre war zugleich viel von einer Vertiefung des Dialogs mit den Fans die Rede – und genau dieser Widerspruch machte aus einem Einsatz eine Debatte.

Warum ein Blocksturm anders zu bewerten ist

Ein Zugriff in eine gefüllte Stehplatzkurve unterscheidet sich von einer Maßnahme im Freien, und der Unterschied ist baulich. Ein Block ist nach vorn durch einen Zaun begrenzt, nach hinten durch Zugänge, die als Einlass gedacht sind und nicht als Ausgang unter Druck. Wer gleichzeitig von oben und von unten eingreift, nimmt der Menge zwischen beiden Zugriffen die Möglichkeit, sich zu entziehen.

Daraus folgt die Frage, die in solchen Fällen zuerst zu stellen ist: nicht ob eingegriffen werden durfte, sondern ob zu diesem Zeitpunkt und an dieser Stelle eingegriffen werden musste. Ein Banner, das seit über einer Stunde hing, ließ auch die Halbzeitpause zu.

Strafanzeigen, Videos, Fotos

Mehrere unbeteiligte Besucher der Nordkurve kündigten Strafanzeigen an; die Ultras Gelsenkirchen sammelten Videos und Fotos, um den Ablauf zu dokumentieren. Aus dieser Sammlung wurde später das Material für ein Verfahren, das erst 2017 entschieden wurde.

Zwei Zahlen blieben bis dahin unvereinbar: Die Polizei sprach von 30 Verletzten, das Deutsche Rote Kreuz von 87. Eine öffentliche Abgleichung dieser Differenz hat es nicht gegeben, und sie ist der Grund, warum dieser Abend in der Diskussion über Polizeieinsätze im Stadion bis heute als Beispiel genannt wird.