FankulturDokumentation · Deutschland
Kurvenstar04

Auswärts in Basel

Auswärtsberichte gelten als das anspruchsloseste Format der Fanpublizistik. Sie sind zugleich das einzige, in dem dokumentiert wird, wie unterschiedlich derselbe Vorgang je nach Land abläuft – und der Bericht vom Gastspiel in Basel im Oktober 2013 ist dafür ein brauchbares Beispiel.

Fünf Stunden vom Niederrhein

Anfahrt vom Niederrhein in fünf Stunden, erkennbare Mitreisende erst ab der zweiten Autobahn, Treffpunkt der aktiven Fanszene um 17 Uhr auf dem Münsterplatz, dann ein gemeinsamer Marsch durch die Stadt.

Der Zug verlief singend und ohne Zwischenfälle; Passanten nahmen ihn gelassen. Kurz vor dem Stadion führte die Strecke durch eine etwa 150 Meter lange Unterführung. Dort drängten sich Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht von hinten durch die Menge – Anlass war offenbar, dass an der Spitze des Zuges Anhänger beider Vereine aufeinandergetroffen waren.

Der Unterschied, der auffiel

Vor dem Blockeingang stand ein Kordon in Schutzausrüstung mit Gummischrotgewehren. Das ist für deutsche Stadionbesucher die auffälligste Erfahrung eines Auswärtsspiels in der Schweiz: Gummischrot gehört dort zu den zugelassenen Einsatzmitteln der Polizei, in Deutschland nicht.

Bemerkenswert ist die Fortsetzung im Bericht. Auf normale Ansprache reagierten die Beamten ausgesprochen freundlich und ließen die Gruppe passieren. Beides gehört zusammen und wird in Debatten über Polizeieinsätze fast immer getrennt behandelt: die Bewaffnung als Doktrin und das Verhalten der einzelnen Person.

Warum diese Unterscheidung zählt

Wer über Einsatzmittel diskutiert, diskutiert über eine Entscheidung, die Behörden und Gesetzgeber treffen, nicht die Beamten vor dem Block. Und wer über Verhalten diskutiert, diskutiert über Ausbildung und Führung, nicht über Ausrüstung.

Fanberichte vermischen das regelmäßig, und Innenministerien tun es ebenfalls – dort wird Kritik an einer Doktrin als Angriff auf Einsatzkräfte behandelt. Ein Bericht, der beides nebeneinander stehen lässt, ist deshalb wertvoller als eine Anklage.

Das Zwischenspiel im Restaurant

Ein Teil des Zuges bog vor der abgeriegelten Kreuzung in einen Biergarten ab, der sich als gehobenes Restaurant entpuppte, in dem eine Tischgesellschaft beim Essen saß. Die Kellner blieben freundlich, die Gruppe benutzte die Toiletten und zog weiter.

Solche Szenen sind der Gegenbeleg zur Erwartung, die ein Vereinstrikot in Deutschland regelmäßig auslöst. Dieselbe Konstellation – eine große Gruppe Auswärtsfahrer in einem Lokal, das nicht mit ihnen gerechnet hat – endet mit Freundlichkeit oder mit Misstrauen, und der Unterschied liegt nicht bei den Gästen.

Was den Bericht dokumentarisch macht

Er hält Zeiten, Orte und Abläufe fest: Treffpunkt, Route, die Stelle, an der es eng wurde, die Ausrüstung vor dem Eingang. Genau diese Angaben fehlen in der Berichterstattung über Auswärtsspiele fast vollständig, weil sie erst interessant werden, wenn etwas passiert.

Und er zeigt, warum internationale Spiele in Fanszenen einen eigenen Rang haben. Nicht wegen des Gegners, sondern weil sie die einzige Gelegenheit sind, das eigene Erleben von Kontrollen, Absperrungen und Einlass mit einem anderen System zu vergleichen.