Zwei Maßstäbe an einem Derbytag
Das Revierderby vom 26. Oktober 2013 ist an anderer Stelle als Auslöser einer Sanktion dokumentiert: Wenige Tage später entzog Borussia Dortmund drei Ultra-Gruppen die Auswärtsdauerkarten. Aus Gelsenkirchener Sicht stellte derselbe Abend eine andere Frage – die nach dem Maßstab.
Was im Stadion passierte
Aus dem Gästeblock wurde brennende Leuchtmunition in angrenzende Blöcke geschossen, darunter der Familienblock des Gastgebers. Eingegriffen wurde nicht währenddessen: Der Block wurde erst abgeriegelt, nachdem sich der Rauch verzogen hatte – und nach den Schilderungen jenes Abends deshalb, weil sich Zuschauer der Heimseite in Bewegung gesetzt hatten.
Die Vorbereitung hatte nicht gefehlt. Der Polizeihubschrauber kreiste, Anreisewege und Parkplätze waren zugewiesen, das Umfeld war mit Kräften belegt, und in Fanforen war zuvor auf eine großangelegte Feuerwerksaktion hingewiesen worden.
Der Vergleich, der die Frage aufwirft
Zwei Monate zuvor war in derselben Arena ein Blocksturm in die Nordkurve erfolgt, weil dort die Fahne einer befreundeten Fangruppe hing – mit Schlagstöcken und Reizgas und zwei unvereinbaren Verletztenzahlen.
Beides zusammen ergibt die Beobachtung, die den Text jener Tage trug: Auf der einen Seite führte ein Stück Stoff zu einem massiven Zugriff in eine gefüllte Kurve; auf der anderen wurde Leuchtmunition in einen Familienblock geschossen, und der Zugriff erfolgte danach. Ob das an einer Lageeinschätzung lag, an der Zuständigkeit oder an der Erreichbarkeit des Blocks, ist von außen nicht zu beantworten. Dass Zuschauer daraus einen Maßstab ablesen, lässt sich nicht verhindern.
Der Punkt, der oft weggelassen wird
Der Text jener Tage nahm eine Position ein, die in der Pyrotechnik-Debatte selten vorkommt: keine Ablehnung des Mittels, aber eine klare Grenze – vernünftig angewendet sei es eindrucksvoll, unbeteiligte Zuschauer hineinzuziehen dagegen nicht.
Diese Unterscheidung ist der Grund, aus dem die Debatte in den Kurven anders läuft als in der Öffentlichkeit. Dort steht Pyrotechnik als Ganzes zur Frage; in einem Block wird zwischen einer Choreografie und einem Geschoss unterschieden, und die Empörung über das Zweite kommt von denen, die das Erste verteidigen.
Die Vorgeschichte, die dazugehört
Nach den beiden vorangegangenen Derbys waren Anhänger des Gastgebers wegen „konspirativer Anreise“ festgesetzt worden, und es folgten Stadionverbote – obwohl der Wirt der angeblich verwüsteten Gaststätte sich über die Darstellung wunderte und die Aufnahmen nach den damaligen Berichten überwiegend Anhänger der anderen Seite bei Auseinandersetzungen zeigten.
Wer diesen Verlauf kennt, versteht, warum ein einzelner Abend in Gelsenkirchen 2013 als Beleg für ein Muster gelesen wurde und nicht als Einzelfall. Ob das Muster besteht, ist die Frage, die aus einer Kurve heraus niemand beantworten kann – und die von der zuständigen Behörde nie öffentlich beantwortet wurde.
Was in einem solchen Fall überhaupt prüfbar wäre
Ein Vorwurf gegen einen Polizeieinsatz lässt sich nicht aus der Kurve heraus klären, weil die Kurve nur ihre eigene Perspektive hat. Prüfbar wären drei Dinge: die Einsatzdokumentation, die Zahl der Ermittlungsverfahren und ihr Ausgang, und die Zahl der Anzeigen gegen Beamte und deren Ausgang.
Alle drei sind in Deutschland für Außenstehende praktisch nicht zugänglich. Eine unabhängige Beschwerdestelle mit Ermittlungsbefugnis existierte 2013 in Nordrhein-Westfalen nicht; Anzeigen wegen Körperverletzung im Amt werden von derselben Staatsanwaltschaft bearbeitet, die mit der Polizei täglich zusammenarbeitet, und ihre Einstellungsquote liegt seit Jahren deutlich über der bei vergleichbaren Delikten.
Das ist der eigentliche Grund, aus dem solche Abende in Fanmedien dokumentiert werden und nirgends sonst: nicht weil die Darstellung dort verlässlicher wäre, sondern weil es die einzige Stelle ist, an der sie überhaupt festgehalten wird.