Die Mitgliederversammlung als Familientag
Im Frühjahr 2013 kündigte der FC Schalke 04 seine Jahreshauptversammlung als „Erlebnis- und Familientag“ an: Showbühne im Innenraum, als besonderer Höhepunkt das Best-of eines Musical-Ensembles, Autogrammstunden, ein Sondervorverkauf für Bundesliga-Heimspiele. Dass es dabei auch um eine Mitgliederversammlung ging, stand am Rande der Ankündigung.
Was eine Jahreshauptversammlung ist
Sie ist das oberste Organ eines eingetragenen Vereins. Ihr obliegt die Beschlussfassung über die grundlegenden Angelegenheiten: Satzungsfragen, Wahlen, die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat, die Behandlung von Anträgen der Mitglieder. In einem Verein mit sechsstelliger Mitgliederzahl ist sie der einzige Ort, an dem diese Mitglieder etwas entscheiden.
Genau deshalb hängt an ihrer Tagesordnung mehr als an jeder Pressemitteilung – und im Jahr 2013 gab es in Gelsenkirchen eine Reihe von Themen, die dort hingehörten: der Zweitmarktvertrag, die Kartenpreise, die Arbeit des Kartenpreisausschusses und die Frage, wer die Fans vertritt.
Warum ein Rahmenprogramm die Versammlung verändert
Der Einwand ist kein ästhetischer, sondern ein arithmetischer. Die Redezeit der Mitglieder ist in solchen Versammlungen begrenzt; die Gremien halten ihre Berichte in der Länge, die sie brauchen. Wird der Zeitrahmen zusätzlich mit Show-Acts gefüllt, verkürzt sich die Seite, die schon knapp war.
Dazu kommt die Zusammensetzung des Saals. Wer wegen eines Familientags kommt, hat keine Position zu den Streitfragen des Vorjahres – und reagiert auf ausführliche kritische Nachfragen mit der Ungeduld eines Publikums, das ein Programm erwartet. Eine Versammlung, in der Nachfragen als Störung wirken, braucht keine Redezeitbegrenzung mehr.
Der Satz, der die Debatte anheizte
Wenige Monate zuvor hatte, nach der Darstellung von Teilnehmern, ein Vorstandsmitglied im Kartenpreisausschuss erklärt, Schalke sei keine Demokratie. Die Ankündigung der Versammlung verwies umgekehrt ausdrücklich darauf, man wolle möglichst viele Mitglieder erreichen, die mitgestalten, mitentscheiden und die demokratischen Strukturen aktiv nutzen wollen.
Beide Aussagen stehen im Abstand von Wochen und lassen sich nicht zusammenlesen. Diese Spannung – Vereinsdemokratie als Werbebegriff und als Zumutung – war das Thema jenes Frühjahrs, und sie erklärt, warum die Ankündigung eines Rahmenprogramms in der Fanszene nicht als Serviceangebot verstanden wurde.
Was Mitglieder dagegen in der Hand haben
Die Instrumente stehen in der Satzung, und sie sind wirksamer, als die Empörung darüber vermuten lässt. Mitglieder können Anträge zur Tagesordnung stellen, die behandelt werden müssen; sie können die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat verweigern; und sie können mit der erforderlichen Zahl von Unterschriften eine außerordentliche Versammlung einberufen, deren Tagesordnung sie selbst bestimmen.
Alle drei setzen dasselbe voraus: dass genügend Mitglieder anwesend sind, die wissen, worum es geht. Genau hier greift ein Rahmenprogramm – nicht indem es Rechte beschneidet, sondern indem es die Zusammensetzung des Saals verändert. Wer die Mehrheit im Raum stellt, entscheidet über Anträge, unabhängig davon, wie gut sie begründet sind.
Das ist der Grund, aus dem dieser Vorgang in einer Sammlung über Fankultur steht und nicht nur in einer Vereinschronik: Er zeigt, dass Vereinsdemokratie nicht an der Satzung hängt, sondern an der Frage, wer am Versammlungstag kommt – und dass sich diese Frage organisieren lässt.
Das Transparent, das die Reihenfolge nannte
Beim Heimspiel gegen Bayer Leverkusen hing über der Nordkurve die Frage „Erst viaNOgo, dann Red Bull, was kommt als Nächstes?“ – eine Aufzählung, in der die Fanszene die Vorgänge des Jahres in eine Reihe stellte.
Was daran über Vereinsführung zu lernen ist, hat mit Musik nichts zu tun: Kritik, die man übertönt, verschwindet nicht. Nach dem Verlauf des Kartenpreisausschusses, in dem engagierte Mitglieder monatelang hingehalten und dann vor eine Entscheidung gestellt wurden, war daraus eine Initiative entstanden, die Unterschriften für eine außerordentliche Mitgliederversammlung sammelte. Ein Verein, der die Jahreshauptversammlung entwertet, erzeugt damit nicht Ruhe, sondern die außerordentliche Versammlung.
Und noch eines lässt sich aus dem Frühjahr 2013 mitnehmen: Die Kritik kam nicht nur von den organisierten Gruppen. Zu den Stellungnahmen gegen die Ankündigung gehörten die des Supporters Clubs, ein Fanzine und mehrere Blogs – also genau jener Teil des Anhangs, der sich üblicherweise über Vereinspolitik informiert, statt sie zu bekämpfen.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWas ist eine Jahreshauptversammlung rechtlich?
Das oberste Organ eines eingetragenen Vereins. Ihr obliegt die Beschlussfassung über die grundlegenden Angelegenheiten – Satzungsänderungen, Wahlen, die Entlastung der Gremien und die Behandlung von Mitgliederanträgen.
Was war 2013 angekündigt?
Ein „Erlebnis- und Familientag“ mit Showbühne im Innenraum, dem Best-of eines Musical-Ensembles als besonderem Höhepunkt, Autogrammstunden und einem Sondervorverkauf für Heimspiele. Die Versammlungsfunktion selbst kam in der Ankündigung am Rande vor.
Warum ist das ein Problem?
Weil die Redezeit für Mitglieder ohnehin begrenzt ist, während die Gremien ihre Berichte in voller Länge halten. Ein Showprogramm verkürzt die knappe Seite weiter – und ein Publikum, das für die Show gekommen ist, reagiert auf kritische Nachfragen anders als eines, das für die Versammlung gekommen ist.