Fanreporter in Braunschweig
Der Verfasser trat beim Heimspiel gegen den VfL Bochum im Oktober 2012 seine Aufgabe als Reporter des Fanradios von Eintracht Braunschweig an. Vorher ging er mit Freunden die Straße am Stadion entlang und nahm eine gedrückte Stimmung wahr – nach einem Sieg und in einer Saison, die überraschend gut lief.
Das Trauma im Titel
Gemeint ist keine Krise, sondern das Gegenteil: die Aufstiegsstimmung. Der Verein stand überraschend oben, und der Bericht beschreibt die Unsicherheit, in welche Richtung es nun gehen solle, dürfe oder könne.
Das ist ein Zustand, über den in Fanmedien selten geschrieben wird, weil er schwer zu erklären ist. Eine Fanszene, die jahrelang unten war, hat ihre Rituale, ihre Erwartungen und ihre Selbstbeschreibung darauf eingerichtet – und ein Aufstieg macht all das ungültig, bevor er überhaupt feststeht.
Warum die Perspektive besonders ist
Sie ist die eines Fanradio-Reporters, also die von der Pressetribüne. Der Beitrag beschreibt von dort aus, was ein Reporter sonst nicht schildert: Bauarbeiter des noch nicht fertigen Stadions, die nach dem Arbeitstag erschöpft und voller Vorfreude bleiben, um das Spiel zu sehen, und rund 20 000 Zuschauer, deren Beteiligung über die Kurve hinausging.
Ein Fanradio ist die Zwischenform, die es in dieser Sammlung nur hier gibt: akkreditiert wie ein Medium, geschrieben aus der Zugehörigkeit heraus.
Der Satz, der aufhorchen lässt
Nach dem Bericht über den Spieltag steht eine Passage, in der sich der Verfasser ausdrücklich Irritationen durch – wörtlich – ewig Gestrige und schlicht gestrickte Selbstdarsteller verbittet, zum Schutz des Ansehens und der Vereinsgemeinschaft.
Der Zusammenhang wird im ersten Absatz gestreift: In derselben Zeit gab es Presseberichte über Rechtsradikalismus im Stadion dieses Vereins. Der Beitrag geht darauf nicht ein – er stellt die sportliche Lage ausdrücklich in den Vordergrund –, aber er distanziert sich mit dieser Formulierung.
Eine Distanzierung als Nebensatz
Sie zeigt, in welcher Form solche Distanzierungen in Fanmedien vorkommen: nicht als Stellungnahme, sondern als Nebensatz in einem Spieltagsbericht, in der Sprache der eigenen Szene.
Das ist wenig, und es ist mehr als nichts. Eine Fanszene, in der öffentlich über Rechtsradikalismus berichtet wird, hat drei Möglichkeiten – schweigen, bestreiten oder sich abgrenzen. Hier ist es das Dritte, in einem Halbsatz, aus dem sich keine Kampagne machen lässt.
Aufstieg 2013, Abstieg ein Jahr später
Der Verein stieg 2013 in die Bundesliga auf, nach 28 Jahren, und stieg im Jahr darauf wieder ab. Die Berichterstattung über rechte Strukturen in einzelnen Fanszenen hat sich in den Jahren danach fortgesetzt; in dieser Sammlung ist sie für einen anderen Standort ausführlich dokumentiert.
Für die Sammlung ist der Text schließlich ein Beispiel dafür, wie ungleich die Ebenen verteilt sind. Ein Reporter des Fanradios sitzt auf der Pressetribüne, sieht die Bauarbeiter und die Nordkurve und schreibt über beide – während in derselben Woche die überregionale Berichterstattung über denselben Verein einen ganz anderen Gegenstand hat.