FankulturDokumentation · Deutschland
Aktion

Der Aufruf zu 12:12

Knapp einen Monat vor der Ligaversammlung am 12. Dezember 2012 wurde der Protest gegen das Konzeptpapier „Sicheres Stadionerlebnis“ öffentlich angekündigt – zuerst über ein Dortmunder Online-Fanzine, das dazu aufrief und die Verabredung im Wortlaut veröffentlichte.

Was verabredet war

Am Rand des Fangipfels in Berlin hatten sich die Fanszenen auf spür- und hörbare Maßnahmen geeinigt, mit dem ausdrücklichen Ziel, flächendeckende Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ab dem 14. Spieltag sollten Anhänger aller Vereine die ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden jeder Partie schweigen.

Der Aufruf richtete sich ausdrücklich an Fans aller Couleur und über die Ligen hinweg – nicht an Ultragruppen allein. Das ist der bemerkenswerte Teil: Eine Aktion, die auf Stille beruht, funktioniert nur, wenn auch die mitmachen, die sonst keine Choreografie organisieren.

Drei Eigenschaften, die kein anderes Mittel gleichzeitig hat

Sie ist gewaltfrei und verursacht keinen Schaden, also nicht sanktionierbar. Sie ist unüberhörbar, weil ein leeres Stadion in einer Übertragung sofort auffällt. Und sie hat ein Ende: Nach zwölf Minuten und zwölf Sekunden geht die Unterstützung weiter, womit die Aktion niemandem die Mannschaft entzieht.

Die Zahl selbst ist die Datumsangabe des Abstimmungstermins. Damit trägt jede Minute des Schweigens ihre eigene Begründung, ohne dass ein Wort fallen müsste.

Der zweite Teil des Plans

Als Höhepunkt war für Dortmund eine Demonstration am 8. Dezember angekündigt: vor dem Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg sollten Heim- und Gästefans gemeinsam, farbenfroh und lautstark durch die Stadt ziehen, die Route stand noch nicht fest.

Am selben Tag zogen in Köln rund 2 000 Menschen durch die Stadt (Zweitausend in Köln). Der Protest hatte damit zwei Ebenen – eine im Stadion, bundesweit und identisch, und eine auf der Straße, lokal organisiert.

Was daran organisatorisch neu war

Eine ligaübergreifende Verabredung von über fünfzig Fanszenen ohne Verband, ohne Geschäftsstelle und ohne Vorsitzenden. Kommuniziert wurde über Fanzines, Foren und die Kontakte, die auf dem Gipfel entstanden waren; verbindlich war nichts.

Genau daran wurde der Protest von der Gegenseite gemessen, und die Erwartung war, dass eine so lose Absprache nicht hält. Sie hielt: Am ersten Spieltag der Aktion war es in den meisten Partien der ersten und zweiten Liga still.

Was der Aufruf für die Dokumentation wert ist

Er ist der einzige Text in dieser Sammlung, der die Aktion vorher beschreibt statt hinterher. Damit lässt sich prüfen, was geplant war und was daraus wurde – und beides fiel in diesem Fall zusammen, was in der Geschichte des Fanprotests die Ausnahme ist.

Abgestimmt wurde am 12. Dezember trotzdem, und das Papier wurde beschlossen. Was der Protest erreichte, war nicht die Verhinderung, sondern die Debatte darüber: Ohne die zwölf Minuten hätte über das Papier außerhalb der Fachöffentlichkeit niemand gesprochen.