Chosen Few stellt die Unterstützung ein
Im Mai 2014 beschloss die Mitgliederversammlung des Hamburger SV, die Profiabteilung in eine Aktiengesellschaft auszugliedern. Wenige Wochen später erklärte eine der ältesten Gruppen der Hamburger Fanszene, sie werde die ausgegliederte Mannschaft nicht mehr unterstützen.
Was die Erklärung ankündigt
Die Einstellung sämtlicher Aktivitäten im Stadion bei Heim- und Auswärtsspielen – und darüber hinaus des ehrenamtlichen Engagements. Damit betrifft der Schritt nicht nur die Choreografien und Gesänge, sondern die Arbeit, die eine Gruppe für einen Verein nebenbei leistet: Fahrten, Materiallager, Betreuung, Präsenz in Gremien.
Die Gruppe hält ausdrücklich fest, dass die Entscheidung nicht leichtgefallen sei und die Gründe vielfältig seien.
Die genannten Gründe
Zwei stehen im Vordergrund. Der erste ist der Umgang mit Kritikern während der Mitgliederversammlung – also nicht das Ergebnis der Abstimmung, sondern die Form, in der darüber verhandelt wurde. Der zweite ist der Verlauf der Wochen davor, den die Gruppe als Grabenkämpfe beschreibt: Während gemeinsam um den Klassenerhalt gekämpft wurde, sei die Ausgliederung mit Hilfe der Boulevardpresse vorangetrieben worden.
Damit ist der Konflikt nicht in erster Linie einer über Rechtsformen. Er ist einer über Verfahren – und diese Unterscheidung erklärt, warum eine Gruppe nach einer verlorenen Abstimmung geht, statt weiter dagegen zu arbeiten.
Warum dieser Schritt schwerer wiegt als ein Boykott
Ein Stimmungsboykott dauert Minuten und ist umkehrbar. Eine Gruppe, die ihre Aktivitäten einstellt, gibt einen Platz auf, den sie über Jahre aufgebaut hat: Material, Fahrten, Kontakte, die eigene Rolle im Block. Sie kann nicht davon ausgehen, ihn wiederzubekommen.
Und sie nimmt dem Verein etwas, das dieser nicht kaufen kann. Was eine Kurve leistet – Gesänge, Fahnen, Präsenz –, ist der Teil des Produkts, der in keiner Bilanz steht und den kein Dienstleister übernimmt.
Der Zusammenhang mit der Ausgliederung
Er ist der eigentliche Gegenstand und betrifft jeden deutschen Traditionsverein, der diesen Weg geht. Eine Aktiengesellschaft hat Anteilseigner, einen Vorstand und einen Aufsichtsrat; die Mitglieder des Vereins bleiben mehrheitlich beteiligt, entscheiden aber nicht mehr unmittelbar über den Spielbetrieb.
Für eine Gruppe, deren Selbstverständnis auf der Zugehörigkeit zu einem Verein beruht, ändert das den Adressaten. Wer künftig unterstützt, unterstützt eine Gesellschaft – und genau diese Feststellung, nicht eine Prognose über sportliche Folgen, trägt die Erklärung.
Die Ausgliederung blieb, die Fanszene ordnete sich neu
Die Ausgliederung blieb, der Verein spielte weiter, und die Hamburger Fanszene hat sich in den Jahren danach mehrfach neu geordnet. Der Schritt der Gruppe ist damit ein Dokument über den Preis solcher Beschlüsse: Er lässt sich nicht in Euro angeben, und er wird in den Unterlagen einer Mitgliederversammlung nicht erfasst.
In dieser Sammlung steht daneben der umgekehrte Fall – eine Gruppe, die aus einem Fanclub-Verband austrat, um innerhalb ihres Vereins weiter Druck zu machen. Beide Wege sind gegangen worden, und beide haben denselben Ausgangspunkt: eine Entscheidung, bei der die Beteiligten den Weg dorthin für falsch hielten.