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Stellungnahme

Der offene Brief an die Dortmunder Fanszene

Am 16. Dezember 2012 gewann Borussia Dortmund das letzte Hinrundenspiel in Hoffenheim mit 3:1. Der Gästeblock begleitete die Partie fast durchgehend schweigend – vier Tage nach der Abstimmung über das DFL-Konzept. Am Tag darauf wandte sich das 12:12-Bündnis mit einem offenen Brief an die eigene Fanszene.

Warum ein Bündnis seine eigene Kurve anschreibt

Das ist der ungewöhnliche Teil des Vorgangs. Ein Protestbündnis richtet sich normalerweise an Verband, Liga oder Öffentlichkeit. Hier ging der Brief nach innen – weil das Problem nach innen entstanden war.

Das Schweigen in Hoffenheim hatte unter den mitgereisten Anhängern eine hitzige Debatte über Sinn und Unsinn des Protests ausgelöst. Auch die Mannschaft war irritiert; mehrere Spieler äußerten sich dazu öffentlich. Und in vier Tagen stand das Pokalspiel gegen Hannover an, mit derselben Frage und ohne geklärte Linie.

Die Warnung, die im Brief stand

Der Brief nannte einen konkreten Fall, und zwar den des Nachbarn. In Gelsenkirchen hatten die Supporters einschließlich der Ultras 90 Minuten geschwiegen – woraufhin sich im Stadion eine Stimmung gegen die Ultras breitmachte, obwohl der Protest am Spieltag davor von einer breiten Masse getragen worden war und nicht nur von den organisierten Gruppen.

Daraus zog das Bündnis den Schluss, den es der eigenen Szene mitteilte: So etwas dürfe in Dortmund nicht passieren, eine Spaltung müsse vermieden werden. Das Ziel für das Pokalspiel war entsprechend formuliert – ein gesundes Maß zwischen Protest und Support, und vor allem eine Linie, die vorher bekannt ist.

Der Streit, den der Brief nicht beenden konnte

Die Debatte unter dem Brief zeigt, wie weit die Positionen auseinanderlagen, und alle waren begründet.

Gegen die Fortsetzung sprach: Das Papier war beschlossen, eine Rücknahme stand nicht in Aussicht, und ein Teil der beschlossenen Maßnahmen war ohnehin schon vorher möglich gewesen. Weiter zu schweigen hieß, das eigene Spiel zu beschädigen, ohne etwas zu erreichen.

Dafür sprach: Ein Protest, der mit dem Abstimmungstag endet, bestätigt genau die Annahme, er sei ein Ritual gewesen. Wirkung entsteht über Dauer – angeführt wurde der Vergleich mit einem Kraftstoff, den Kunden so beharrlich stehen ließen, dass er vom Markt verschwand.

Und ein dritter Beitrag benannte, was tatsächlich fehlte: Die interne Kritik am Papier und am Zustandekommen war innerhalb der Szenen bekannt, aber die große Masse im Stadion und die noch größere außerhalb des Fußballs verstand nicht, worum es ging. Wer die Kommunikation verweigert, riskiert die Unterstützung der eigenen Basis.

Ein Protestbündnis bei der Selbstkorrektur

Der Brief ist ein seltenes Dokument, weil er ein Protestbündnis bei einer Selbstkorrektur zeigt. Erkannt wurde, dass die größte Gefahr für den Protest nicht die Liga war, sondern der eigene Block – und dass eine Aktion, die eine Mehrheit trug, sich gegen ihre Träger wenden kann, sobald sie ohne Ankündigung fortgesetzt wird.

Wie die Frage in anderen Kurven ausging, ist andernorts dokumentiert: Die Fanszenen zerfielen im Winter 2012/13 entlang der Frage, ob man weitermacht – nicht entlang der Frage, ob das Papier schlecht war.