Der Mainzer Weg
Im Sommer 2012 wurde die Sicherheitsdebatte überall in Hinterzimmern geführt: Man sprach übereinander und selten miteinander, und der zahlende Stehplatzbesucher stand im Zweifel im Weg. In Mainz organisierten Fangruppen stattdessen eine Woche der Diskussion – und der Verein stellte die Räume.
Der Aufbau
Mainz 05 überließ den veranstaltenden Gruppen Räumlichkeiten im eigenen Stadion und entsandte Vertreter in die Diskussionsrunden. Die Gruppen selbst kündigten ausdrücklich keine Akklamationsveranstaltung an, sondern eine ergebnisoffene Debatte – mit dem erklärten Anspruch, es besser zu machen als der Verband.
Ebenso ausdrücklich stand am Ende der Woche kein Mainzer Sonderweg in der Pyrotechnikfrage. Das war allen Beteiligten vorher klar, und es ist die Voraussetzung dafür, dass ein Verein sich überhaupt beteiligt: Ohne diese Klarstellung wäre jede Runde als Vorbereitung einer Ausnahmegenehmigung gelesen worden.
Drei Dinge, die sonst getrennt bleiben
Die Einladung kam von den Fangruppen, nicht vom Verein – damit war die Tagesordnung nicht vorsortiert. Der Ort war das Stadion, also der Gegenstand des Streits selbst. Und der Verein schickte Vertreter, die für ihre Aussagen einstehen mussten.
Verglichen mit den Konsultationsverfahren jener Monate – sechs Wochen Frist für eine Stellungnahme zu einem fertigen Papier, wie es der Berliner Fangipfel vorrechnete – ist das die umgekehrte Reihenfolge: erst reden, dann formulieren.
Der unangenehme Teil des Gesprächs
Er betrifft den Vereinspräsidenten. Dieser hatte auf der DFL-Sicherheitskonferenz einen Kodex unterschrieben, der unter anderem härtere Sanktionen und eine breitere Überwachung von Fans forderte – während der Präsident eines anderen Vereins die Unterschrift öffentlich verweigerte und das begründete.
Die Frage im Interview lautet, ob man sich nicht dieselbe Reaktion gewünscht hätte, gerade in Mainz. Sie ist berechtigt und sie beschreibt die Grenze dieses Formats: Ein Verein, der Räume stellt und Vertreter schickt, kann gleichzeitig auf Verbandsebene etwas unterschreiben, das dem Ergebnis der Diskussion entgegensteht.
Was das über Dialogangebote sagt
Sie sind daran zu messen, was der Anbietende danach tut, nicht daran, dass er anbietet. Ein Gespräch kostet einen Verein wenig; eine Unterschrift auf einer Ligaversammlung kostet ihn Zustimmung im Kreis der anderen Klubs.
Genau deshalb ist die Woche in Mainz trotzdem dokumentiert: Sie ist der Beleg dafür, dass das Format möglich war – und die Frage nach dem Kodex ist der Beleg dafür, dass es die Verbandspolitik nicht ersetzt.
Kein Sonderweg, aber Gesprächsformate
Ein Sonderweg entstand nicht, das Papier wurde im Dezember 2012 beschlossen, und die Gesprächsformate zwischen Verbänden und Faninitiativen sind in den Jahren danach mehrfach neu aufgesetzt und mehrfach abgebrochen worden.
Geblieben ist der Maßstab, den die Veranstalter selbst formulierten: keine Akklamationsveranstaltung. Wer heute eine Fankonferenz bewertet, hat damit eine Prüffrage – ist das Ergebnis vorher bekannt, und wer hat die Tagesordnung geschrieben.