Eine Kampagne überall, die Debatte auf Phoenix
Am 15. Januar 2013 starteten die übertragenden Sender der Fußball-Bundesliga eine gemeinsame Initiative gegen Gewalt im Stadion, unter dem Titel „100 Prozent Das Spiel – 0 Prozent Gewalt“. Ein extra produzierter Kurzfilm sollte der überwältigenden Mehrheit der Fans eine Stimme geben, begleitet von fortlaufender Berichterstattung.
Wenige Tage nach zwei Vorgängen derselben Debatte
Der Start lag wenige Tage nach zwei Vorgängen, die in dieselbe Debatte gehören. Zum einen war Pyrotechnik bei der Übertragung der Vierschanzentournee als Stilmittel der Stimmung gelobt worden, während dieselbe Praxis im Fußball als Eskalation verhandelt wurde.
Zum anderen hatte kurz zuvor ein längerer Bericht im ARD-Nachtmagazin eingeräumt, dass das Gewaltproblem in deutschen Stadien deutlich weniger dramatisch ist als seine Darstellung – unter Verweis auf die Arbeit eines Sportwissenschaftlers, der sich mit Fanforschung befasst. Eine Kampagne gegen Gewalt, die auf eine Recherche folgt, die das Ausmaß relativiert, wirft die Frage nach ihrem Anlass auf.
Wer diskutierte
Erfreulich war die Zusammensetzung der begleitenden Diskussionsrunde, und sie ist der Grund, warum dieser Vorgang erwähnenswert bleibt. Vertreten waren der Ligaverband durch seinen Geschäftsführer, die Politik durch den Innenminister eines Bundeslandes, die beteiligten Sender durch einen Sportchef – und, was in solchen Runden fehlt, die Fanseite durch den Sprecher eines Fanbündnisses sowie ein fannahes Medium durch den Chefredakteur eines Fußballmagazins.
Eine Runde, in der die Seite, um die es geht, selbst sitzt, ist im Jahr 2013 die Ausnahme gewesen.
Wo sie diskutierte
Und hier liegt der Einwand. Der Imagefilm wurde auf allen beteiligten Sendern breit gestreut. Die Diskussionssendung – „Wem gehört der Fußball?“ – lief auf einem Spartenkanal mit rund einem Prozent Marktanteil.
Damit ist die Struktur der Initiative beschrieben: Die Botschaft erreichte das Publikum der Bundesliga, die Auseinandersetzung darüber ein Bruchteil davon. Wer Aufklärung will, sendet die Aufklärung dort, wo er die Kampagne sendet.
Die Frage, die offen blieb
Aus der Verteilung von Reichweite ließ sich der Eindruck ableiten, dass in erster Linie das teuer eingekaufte Produkt vor Image- und damit Zuschauerverlust geschützt werden sollte – und nicht ein Missverständnis über Fußballfans aufgeklärt.
Beweisen lässt sich das nicht, und die Beteiligten haben es bestritten. Nachprüfbar ist nur die Verteilung: ein Film mit maximaler Reichweite, eine Debatte mit minimaler. Für eine Initiative, die sich an die Mehrheit der Fans richtet, ist das die falsche Reihenfolge.
Der Prüfstein, der in der Kampagne nicht vorkam
Eine Kampagne gegen Gewalt im Stadion behauptet, sie reagiere auf ein wachsendes Problem. Prüfbar wäre das an dem, was Zuschauer tatsächlich tun – und die Zuschauerzahlen der Liga sind der öffentlich zugänglichste Indikator dafür.
Sie stiegen in diesen Jahren. Wer die Auslastungsdaten der Bundesliga und der 2. Bundesliga neben die Sicherheitsdebatte legt, findet keine Bewegung, die eine Kampagne dieses Zuschnitts begründet: Ausverkaufte Stadien sind keine gemiedenen Stadien.
Genau dieser Abgleich fehlte damals auf beiden Seiten. Die Sender belegten den Anlass nicht, und die Kritik daran arbeitete überwiegend mit Empörung statt mit Zahlen. Beides zusammen erklärt, warum aus der Auseinandersetzung nichts hervorging, worauf man sich später berufen konnte.