Eine Stunde auf Phoenix
Am 14. Januar 2013 stellten fünf Fernsehsender – ARD, ZDF, Sky, Sport1 und Liga Total – eine gemeinsame Kampagne gegen Gewalt im Stadion vor. Zu ihr gehörte ein Imagefilm, der ab dem Folgetag lief und die gesamte Rückrunde über wiederholt gezeigt wurde.
Was am 15. Januar gesendet wurde
Um 21.30 Uhr zeigte Phoenix die Dokumentation „Dritte Halbzeit Randale“, in der Ultras, Polizisten, Fanvertreter und Politiker zu Wort kamen. Um 22 Uhr folgte eine einstündige Diskussionsrunde unter dem Titel „Wem gehört der Fußball?“, moderiert von Christina von Ungern-Sternberg; um Mitternacht lief eine Wiederholung.
Das war der gesamte diskursive Teil des Kampagnenstarts: ein Abend, ein Spartenkanal, eine Wiederholung zur Nacht.
Der Vergleich der Reichweiten
Der Hinweis macht ihn möglich. Der Imagefilm erreichte über Monate das Bundesligapublikum; die Auseinandersetzung darüber, wem der Fußball gehört, erreichte die Zuschauer eines Kanals mit rund einem Prozent Marktanteil, zu einer Zeit, zu der die Mehrheit schläft. Ausführlicher steht dieser Befund in der Analyse der Kampagne.
Ein Programmhinweis ist damit hier kein Servicetext, sondern eine Quelle: Er belegt Datum, Sender, Uhrzeit und Format – die vier Angaben, ohne die sich über Reichweiten nicht streiten lässt.
Was die Sendung selbst leistete
Bemerkenswert ist die Besetzung der vorangestellten Dokumentation. Ultras kamen darin zu Wort, und zwar neben Polizei, Fanvertretung und Politik. In den Formaten der Hauptprogramme derselben Wochen war das nicht der Fall; dort wurde über Kurven gesprochen, nicht mit ihnen.
Damit ist die Auswahl der Beteiligten das eigentliche Ergebnis dieses Abends. Sie zeigt, dass eine Sendung mit allen Seiten möglich war – und dass sie stattfand, wo sie am wenigsten Menschen erreicht.
„Wem gehört der Fußball?“
„Wem gehört der Fußball?“ ist die Frage, an der die gesamte Saison 2012/13 hing: an den Vereinen und ihren Mitgliedern, an den Verbänden, an den Rechteinhabern, am Publikum. Eine einstündige Runde kann sie nicht beantworten.
Sie kann aber festhalten, wer sie überhaupt stellen darf – und dass die Antwort auf diese Vorfrage 2013 lautete: alle, aber nur nach 22 Uhr auf Phoenix.
Warum solche Hinweise in Fanmedien zählten
Ein Termin auf einem Spartenkanal fällt ohne Ankündigung durch. Fanseiten waren in diesen Jahren der Verteiler, über den solche Sendungen ihr eigentliches Publikum fanden – und Programmhinweise dieser Art sind deshalb Teil derselben Arbeit wie die Stellungnahmen und Analysen, die daneben standen.
Was bleibt, ist die Konstruktion
Die Sendung ist nicht mehr abrufbar, die Kampagne ist beendet, der Imagefilm läuft nirgends mehr. Was bleibt, ist die Konstruktion: Eine Branche, die ein Problem benennt, entscheidet selbst, mit welcher Reichweite sie darüber diskutieren lässt.
Diese Entscheidung wiederholt sich bei jeder Kampagne – zu Rassismus, zu Gewalt, zu Diskriminierung. Der Prüfmaßstab ist immer derselbe und immer öffentlich nachlesbar: Auf welchem Sender und zu welcher Uhrzeit läuft die Diskussion, und wo läuft der Film.