Borussenfront: die Dortmunder Hooligangruppe der 1980er Jahre und was aus ihr wurde
Die Borussenfront war eine Hooligangruppe im Umfeld von Borussia Dortmund. Sie gilt als der früheste gut dokumentierte Fall in Deutschland, in dem eine Fußballgruppe offen rechtsextrem auftrat – und als der Fall, an dem die Forschung die Verbindung von Kurve und organisierter Rechter bis heute erklärt.
- Ort
- Dortmund
- Zeit
- 1980er Jahre
- Umfeld
- Borussia Dortmund
- Status
- nicht mehr bestehend
Was die Borussenfront war
Eine Hooligangruppe, die Anfang der 1980er Jahre im Umfeld des Westfalenstadions entstand, in einer Zeit, in der Hooliganismus in Westdeutschland ein neues Phänomen war und Fanszenen noch keine organisierten Gegenkräfte hatten. Was diese Gruppe von anderen unterschied, war nicht die Gewalt, sondern die Politik: Sie trat offen rechtsextrem auf, und ihre führenden Personen waren gleichzeitig in der organisierten Rechten aktiv.
Damit ist sie der Fall, an dem sich eine Unterscheidung zeigen lässt, die in Debatten über Fangewalt regelmäßig verschwimmt. Gewalt im Umfeld von Fußballspielen ist ein soziales Phänomen mit vielen Ursachen; eine Gruppe, die die Kurve als Rekrutierungs- und Auftrittsfläche für eine politische Bewegung benutzt, ist etwas anderes. Die Borussenfront war der zweite Fall, nicht der erste.
Die Gruppe berief sich dabei auf den Verein. Das ist die Richtung, in die solche Bezüge laufen: Ein Klubname ist öffentlich, kostenlos und wiedererkennbar, und eine Gruppe, die ihn in ihren eigenen Namen aufnimmt, erwirbt damit keine Verbindung zum Verein.
Der Verlauf in fünf Stationen
| Zeit | Vorgang | Einordnung |
|---|---|---|
| Anfang der 1980er Jahre | VorgangEntstehung im Umfeld der Dortmunder Westfalenstadion-Szene | Einordnungeine der ersten deutschen Hooligangruppen mit offen rechtsextremer Ausrichtung |
| Mitte der 1980er Jahre | VorgangHöhepunkt der Aktivität | EinordnungAuftreten bei Heim- und Auswärtsspielen, Verbindungen in die organisierte Rechte |
| Ende der 1980er Jahre | VorgangZerfall als Gruppe | EinordnungVerlagerung führender Personen in rechtsextreme Parteien und Kameradschaften |
| Ab den 1990er Jahren | VorgangGegenbewegung in der Fanszene | Einordnungantifaschistische Fangruppen, Fanprojektarbeit, Vereinsengagement gegen Diskriminierung |
| 2014 | Vorgangkommunalpolitischer Nachhall | Einordnungder bekannteste Kopf der Gruppe zog für eine rechtsextreme Kleinpartei in den Rat der Stadt Dortmund ein |
Ein früher Fall, gut belegt
In der Forschung steht er wegen seiner Quellenlage. Wer die Überschneidung von Fußballszene und organisiertem Rechtsextremismus untersucht, braucht einen Fall, in dem beide Seiten dokumentiert sind – Aufmärsche, Verfahren, Parteibindungen, Presseberichte aus der Zeit. Dortmund in den 1980er Jahren erfüllt das, und deshalb steht die Gruppe in kriminologischen und sozialwissenschaftlichen Arbeiten über Hooligans, Ultras und Rechtsextremismus.
Für die Fankultur, um die es in dieser Sammlung geht, ist der Fall aus einem zweiten Grund wichtig: Er ist das Gegenargument gegen die Gleichsetzung von organisierter Fanszene und rechter Szene, die in Sicherheitsdebatten immer wieder auftaucht. Die Borussenfront war eine politische Gruppe in der Kurve. Was ab den 1990er Jahren in denselben Kurven entstand, richtete sich ausdrücklich gegen sie.
Was aus der Gruppe wurde
Als Gruppe zerfiel sie im Verlauf der späten 1980er Jahre. Führende Personen gingen in rechtsextreme Parteien und Kameradschaften über – ein Weg, der in dieser Zeit für mehrere Hooligangruppen dokumentiert ist und der die Frage beantwortet, wohin eine solche Struktur verschwindet: nicht ins Nichts, sondern in die Organisationen, aus deren Umfeld sie ohnehin kam.
Der bekannteste Kopf der Gruppe war über Jahrzehnte in der Dortmunder rechtsextremen Szene aktiv und zog 2014 für eine rechtsextreme Kleinpartei in den Rat der Stadt Dortmund ein. Das ist der Grund, aus dem der Name in der Berichterstattung nach 2014 wieder auftauchte, dreißig Jahre nach der Zeit, um die es eigentlich geht.
Die Gegenbewegung in derselben Kurve
Sie ist der Teil dieser Geschichte, der seltener erzählt wird. Ab den 1990er Jahren entstanden in Dortmund antifaschistische Fangruppen, ein Fanprojekt und eine Vereinsposition, die Diskriminierung ausdrücklich ausschließt; der Klub hat daneben seine eigene Geschichte in der NS-Zeit aufgearbeitet und betreibt Erinnerungsarbeit, unter anderem mit Fahrten von Anhängern zu Gedenkstätten.
Dass die Stadt weiterhin eine aktive rechtsextreme Szene hat, ist damit nicht erledigt, und die Auseinandersetzung ist in derselben Kurve über Jahrzehnte geführt worden – mit Spruchbändern, Ausschlüssen und Hausverboten. Diese Sammlung dokumentiert solche Auseinandersetzungen an mehreren Standorten, und die Arbeit der Fanprojekte, die dabei die Vermittlung übernehmen, ist an anderer Stelle als eigene Funktion beschrieben.
Wonach die Suche fragt
Der Name kommt in Schulbüchern, Dokumentationen und Hochschularbeiten über Hooliganismus vor, und nach 2014 stand er erneut in den Nachrichten. Wer ihn eingibt, sucht in der Regel eines von zwei Dingen: eine Einordnung dessen, was diese Gruppe war, oder den Zusammenhang zwischen Fußball und Rechtsextremismus, für den sie das Standardbeispiel ist.
Beides ist eine historische Frage und keine über die heutige Dortmunder Fanszene. Die Gruppe besteht nicht mehr, ihre Zeit liegt vierzig Jahre zurück, und was seither in derselben Kurve entstanden ist, hat sich gegen sie gerichtet.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWas war die Borussenfront?
Eine Hooligangruppe im Umfeld von Borussia Dortmund, die Anfang der 1980er Jahre entstand. Sie gilt als einer der ersten Fälle in Deutschland, in dem eine Fußballgruppe offen rechtsextrem auftrat und personell mit der organisierten Rechten verbunden war.
Existiert die Gruppe noch?
Als Gruppe nicht. Sie zerfiel im Verlauf der späten 1980er Jahre; führende Personen gingen in rechtsextreme Parteien und Kameradschaften über. Der Name wird seither vor allem in der Forschung und in der Berichterstattung über diese Jahre benutzt.
Was hat das mit Borussia Dortmund zu tun?
Die Gruppe berief sich auf den Verein, nicht umgekehrt. Der Klub und seine Fanszene haben sich seit den 1990er Jahren wiederholt und ausdrücklich gegen Rechtsextremismus positioniert – über die Satzung, über Fanprojektarbeit und über Erinnerungsarbeit zur eigenen Vereinsgeschichte.
Warum steht der Fall in der Forschung?
Weil er die Überschneidung von Fußballszene und organisiertem Rechtsextremismus früh und gut dokumentiert zeigt. Kriminologische und sozialwissenschaftliche Arbeiten zu Hooligans, Ultras und Rechtsextremismus greifen deshalb regelmäßig auf die 1980er Jahre in Dortmund zurück.
Wird die Gruppe hier dargestellt?
Beschrieben wird, was sie war, wie sie einzuordnen ist und was die Fanszene daraus gemacht hat. Parolen, Symbole und Selbstdarstellungen der Gruppe sind nicht wiedergegeben – sie tragen zur Einordnung nichts bei.