Redet mit uns, nicht über uns
Im Dezember 2012 wurde in der Offenbacher Fanszene über eine Gruppe gestritten – über ihre Zaunfahne, über ihr Selbstverständnis und darüber, ob sie eine Ultragruppe sei. Der Fragesteller dieses Interviews stellt eingangs fest, dass alle über sie redeten und kaum jemand mit ihr.
Das Interview ist der dritte Teil einer Reihe und behandelt Stadion, Vereinspolitik und Selbstverständnis.
Das neue Stadion
Der Verein hatte gerade einen Neubau bezogen. Die beiden Interviewten trauern dem alten Platz stärker nach als erwartet: Man habe jede Ecke gekannt, und auch wenn sie nicht schön gewesen seien, seien es die eigenen gewesen. Jetzt komme man hin und gehe in ein Stahlbetonwerk.
Zwei konkrete Punkte nennen sie. Die Akustik ist schlechter. Und die meterhohen Banden vor den Tribünen stören die Sicht, was sie besonders für ältere Besucher als Verlust einordnen. Positiv sei, dass die Stehgegengerade erhalten geblieben ist.
Dazu die Flutlichtmasten. Das alte Stadion hatte zwei davon, von außerhalb weithin sichtbar; im Neubau fehlen sie. Eine Initiative kämpfte für ihren Wiederaufbau, und die Gruppe stimmt zu – mit der Beobachtung, dass man erst merke, wie symbolisch sie gewesen seien, als sie weg waren.
Das ist der Befund, den diese Sammlung an mehreren Standorten festhält: Ein Stadionneubau erfüllt alle Anforderungen und nimmt der Anhängerschaft die Merkmale, an denen sie ihren Ort erkennt.
Die Zurückhaltung in der Vereinspolitik
In der zurückliegenden Auseinandersetzung um den Vorstand hatte die Gruppe keine öffentliche Position bezogen. Die Begründung ist die interessanteste Antwort des Interviews: Ein Großteil habe zu einer Seite tendiert, man habe sich aber bewusst gegen eine Positionierung entschieden, um unabhängig vom Wahlausgang die Gräben überbrücken zu können, die die Vereinspolitik gerissen hatte.
Das ist eine strategische Entscheidung und keine Unentschlossenheit. Diese Sammlung dokumentiert mehrfach den umgekehrten Fall – Fangruppen, die sich in Wahlkämpfen festlegen und danach mit der Gegenseite nicht mehr reden können, etwa im Streit um eine Vereinswahl.
Ihr Urteil über die neue Führung
Vorsichtig, mit einer klaren Ausnahme. Über die wirtschaftliche Arbeit wollen sie nicht urteilen, weil die Amtszeit kurz und die Altlasten groß seien. Wo sie sich ein Urteil erlauben, ist der Einblick des Präsidiums in Fanbelange – und dort sehen sie starke Defizite: Ein offenes Ohr bestehe, es fehle der persönliche, schnelle Draht.
Auf die Frage nach einem Fanvertreter im Verwaltungsrat antworten sie zustimmend, mit dem Vorbehalt, dass jemand die Zeit dafür aufbringen muss. Diese Frage – Sitz und Stimme für die Anhängerschaft in einem Vereinsgremium – zieht sich durch diese Sammlung von der Doppelrolle des Fanbeauftragten bis zu den Satzungsstreitigkeiten anderer Vereine.
Die drei Sätze am Ende
Sie sind der Grund, aus dem das Interview über den Anlass hinausreicht.
Erstens: Man solle nicht über sie reden, sondern zu ihnen kommen – vor und nach dem Spiel, nicht in der 25. Minute, um über die Liedauswahl zu diskutieren. Zweitens: Es sei wichtig, zu differenzieren und nicht alle jungen Leute in einen Sack zu stecken; nicht jeder junge Besucher gehöre zu dieser Gruppe. Drittens, als Wunsch: Man solle öfter auswärts fahren, da gebe es Steigerungspotenzial.
Der zweite Punkt ist der, der die Debatte erklärt, um die es hier ging. Eine Gruppe mit einer Zaunfahne wird zum Sammelbegriff für alle jungen Besucher, und was einer von ihnen tut, wird ihr zugeschrieben. Dieselbe Zuschreibung liegt der Sicherheitsdebatte derselben Monate zugrunde.
Was unter dem Interview stand
Die Kommentare unter dem Interview. Sie enthalten Vorwürfe gegen eine dritte Gruppe – über Verhalten im Block, über beanspruchte Plätze und über ein Fotografierverbot –, die von außen nicht prüfbar sind und teils im selben Strang bestritten wurden.
Das ist die übliche Lage bei Konflikten innerhalb einer Fanszene: Sie werden in Foren ausgetragen, von Beteiligten geschildert und lassen sich nachträglich nicht auflösen. Das Interview selbst kommt ohne solche Vorwürfe aus, und darin liegt seine Qualität.
Die sportliche Lage
Vier Niederlagen zum Auftakt, dann zwölf Spiele ohne Niederlage – nach Einschätzung der Gruppe mit einigen Unentschieden zu viel. Ihr Fazit: mit dem Abstieg vorerst nichts mehr zu tun zu haben, und die Hoffnung, die Fühler nach oben ausstrecken zu können.
Die Liga sei leider nicht von ihrem Verein dominiert, sagt einer der beiden, und das ist der Satz, mit dem eine Anhängerschaft ihre eigene Lage am genauesten beschreibt: als das, was man weiß, und als das, was man trotzdem hofft.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWarum entstand das Interview?
Weil in den Foren der Offenbacher Fanszene über die Gruppe diskutiert wurde – aber, wie der Fragesteller einleitend feststellt, kaum jemand mit ihr gesprochen hatte.
Wie hielt sich die Gruppe in der Vereinspolitik?
Sie bezog in der Auseinandersetzung um den Vorstand bewusst keine öffentliche Position – mit der Begründung, unabhängig vom Wahlausgang die Gräben überbrücken zu können, die die Vereinspolitik gerissen hatte.
Was ist die Sache mit den Flutlichtmasten?
Das alte Stadion hatte zwei Flutlichtmasten, die von weitem sichtbar waren; im Neubau fehlen sie. Eine Initiative kämpfte für ihren Wiederaufbau, und die Gruppe unterstützte das ausdrücklich.