Ein Abend für die Europareisen
Im Frühjahr 2013 lud das Fanprojekt Hannover zu einem Abend über die Europapokalfahrten von Hannover 96. Geplant war der 25. Mai, ab 19 Uhr, in den eigenen Räumen, mit Bier, Bratwurst und Salaten, ohne festes Ende.
Der Aufruf ist wenige Zeilen lang. Er ist trotzdem der einzige Beitrag dieser Sammlung, der einen archivarischen Vorgang beschreibt, während er stattfindet.
Was daran archivarisch ist
Die Bitte. Das Fanprojekt bat die Anhängerschaft, eigene Fotos und Videos der Europareisen einzusenden, damit sie an diesem Abend gezeigt werden können.
Damit wird eine Sammlung angelegt, die es sonst nicht gibt. Von den Auswärtsfahrten einer Anhängerschaft existiert kein offizielles Bildarchiv: Der Verein dokumentiert Spiele, die Presse dokumentiert Ereignisse, und was auf der Fahrt, im Gästeblock und in der fremden Stadt geschieht, liegt auf privaten Speicherkarten.
Ein Aufruf wie dieser ist der Moment, in dem daraus ein gemeinsames Gedächtnis werden kann. Ob die Einsendungen erhalten geblieben sind, ist offen; der Aufruf selbst ist es.
Damit dokumentiert er auch, wie kurz die Halbwertszeit solcher Bestände ist. Fotos von 2011 und 2012 lagen 2013 auf Geräten, die inzwischen ersetzt sind, und Videos in Formaten, die schon damals nicht dauerhaft gedacht waren. Wer sie nicht innerhalb weniger Jahre zusammenträgt, trägt sie gar nicht mehr zusammen.
Zwei Europapokalspielzeiten und keine dritte
Zwei Europapokalspielzeiten hintereinander waren gerade vorbei, die erste davon bis ins Viertelfinale, und eine dritte war nicht in Sicht. Der Text sagt das ohne Umschweife: Weil möglicherweise erst einmal nicht mehr europäisch gespielt werde, wolle man es zusammen Revue passieren lassen.
Das ist eine bemerkenswert nüchterne Begründung für eine Veranstaltung. Sie behauptet keinen Neuanfang und keine Trotzreaktion, sondern hält fest, dass etwas zu Ende ist, und macht daraus einen Termin.
Was auf diesen Reisen entstanden ist
Eine Europapokalteilnahme verändert für eine Anhängerschaft die Maßstäbe. Statt Fahrten von zwei Stunden stehen Flüge, Nachtzüge und Städte auf dem Plan, in denen niemand die Sprache spricht; statt eines Gästekontingents von einigen Tausend gibt es eines von einigen Hundert, und wer mitfährt, kennt anschließend jeden anderen, der mitgefahren ist.
Aus solchen Fahrten entstehen die Geschichten, die eine Fanszene über Jahre weitererzählt – und sie entstehen in einer Gruppe, die klein genug ist, dass sich alle daran erinnern. Genau das macht eine gemeinsame Bildersammlung sinnvoll: Sie ersetzt nicht das Erzählen, sie gibt ihm einen Anlass und einen Ort.
Der Auftrag eines Fanprojekts
Solche Abende gehören dazu. Fanprojekte arbeiten sozialpädagogisch mit jungen Anhängern; ihre Grundlage ist das Nationale Konzept Sport und Sicherheit von 1993, und sie werden in der Regel von Land, Kommune und den Fußballverbänden gemeinsam finanziert.
Ihre Arbeit besteht zum größten Teil aus dem, was in dieser Sammlung an anderen Stellen zur Sprache kommt: Begleitung bei Auswärtsfahrten, Vermittlung in Konflikten, Beratung in Verfahren über Stadionverbote. Was in Veranstaltungshinweisen wie diesem sichtbar wird, ist der andere Teil – der, der keine Sicherheitsfrage berührt.
Genau deshalb ist er politisch nicht neutral: Ein Fanprojekt, das Reiseerinnerungen sammelt, behandelt seine Zielgruppe als Trägerin einer Kultur und nicht als Risikogruppe. Dieselbe Unterscheidung ist in dieser Sammlung der Kern der Auseinandersetzung um die Sicherheitspapiere von 2012.
Der Nebensatz am Ende
Der Aufruf endet mit dem Hinweis, wer an diesem Tag Sehnsucht nach Fußball habe, könne die zweite Mannschaft bei einem Auswärtsspiel unterstützen.
Das ist die vollständige Beschreibung dessen, was ein Fanprojekt tut: Es organisiert einen Abend über vergangene Europareisen und weist im selben Absatz auf ein Spiel der Amateure hin. Der Unterschied zwischen einem Europapokalabend und einer Regionalligapartie ist an dieser Stelle kein Unterschied im Rang, sondern einer im Termin.
Was von solchen Abenden bleibt
In der Regel nichts Schriftliches. Es gibt keine Protokolle von Fanprojektabenden, keine Bildbände, keine Nachberichte; ihre Wirkung liegt in dem, was die Teilnehmer mitnehmen.
Dass dieser Termin überhaupt dokumentiert ist, liegt an dem Aufruf, der ihn ankündigte – und daran, dass ein Fanmedium ihn übernommen hat. Eine Terminmeldung von wenigen Zeilen ist damit der Beleg dafür, dass zwischen zwei Spielzeiten jemand daran gedacht hat, die Erinnerung an sie zu sichern.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWas war geplant?
Ein Abend in den Räumen des Fanprojekts, an dem Fotos und Videos von den Europapokalfahrten gezeigt werden sollten – ab 19 Uhr, mit Verpflegung, ohne festes Ende.
Was ist ein Fanprojekt?
Eine Einrichtung der Sozialen Arbeit, die mit jungen Anhängern eines Vereins arbeitet. Grundlage ist das Nationale Konzept Sport und Sicherheit von 1993; finanziert wird in der Regel dreigeteilt von Land, Kommune und Fußballverbänden.
Warum gerade 2013?
Weil zwei Europapokalspielzeiten hintereinander gerade zu Ende gegangen waren und keine dritte in Sicht war. Der Aufruf sagt das offen: Man wollte es zusammen Revue passieren lassen.