FankulturDokumentation · Deutschland
Stellungnahme

Elfhundertzweiundvierzig Verletzte

Im November 2012 legte die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze ihren Jahresbericht für die Saison 2011/12 vor. Er wies 1 142 Verletzte im Zusammenhang mit Spielen aus, nach 846 in der Vorsaison, und die Zahl der eingeleiteten Strafverfahren war ebenfalls gestiegen.

In den Medien wurde das als Beleg für gestiegene Gewalt bei Fußballspielen gelesen, und eine Polizeigewerkschaft forderte, den Rädelsführern der Fußballgewalt das Handwerk zu legen. Das Bündnis aktiver Fußballfans las denselben Bericht anders.

Die Aufschlüsselung

Sie steht im Bericht selbst und ist der ganze Vorgang. Von den 1 142 Verletzten waren 235 Polizeibeamte – acht weniger als in der Vorsaison. 393 waren Unbeteiligte, nach 344. Und 514 waren Fußballfans, im Bericht als Störer bezeichnet, nach 259.

Der Anstieg um knapp 300 Verletzte entfällt damit fast vollständig auf eine Gruppe: die Zuschauer. Die Zahl der verletzten Beamten ist gesunken.

Wer nur die Gesamtzahl nennt, liest daraus gestiegene Fangewalt. Wer die Aufschlüsselung liest, sieht eine Verdopplung der Verletzten unter denen, gegen die sich die Einsätze richten.

Die vier Fragen

Die Stellungnahme stellt sie an die Behörde, und keine davon ist im Bericht beantwortet.

Gegen wie viele der verletzten Fans wurde anschließend ein Strafverfahren eingeleitet? Wie viele der Fans und Unbeteiligten wurden nicht von anderen Zuschauern, sondern von Einsatzkräften verletzt? Wie viele Polizeibeamte wurden nicht von Zuschauern, sondern von eigenen Kollegen verletzt – etwa durch Pfefferspray im Nahbereich? Und ist der Begriff Störer damit überhaupt angemessen?

Die vierte Frage ist die eigentliche. Eine Statistik, die Verletzte nach Rollen sortiert, ohne die Ursache zu erfassen, schreibt die Rolle fest: Wer als Störer gezählt wird, gilt als Verursacher seiner eigenen Verletzung.

Die Kritik zielt auf eine Lücke, nicht auf eine Vermutung

Sie stützt sich auf das, was der Bericht nicht erhebt. Der Bericht erfasst, wie viele verletzt wurden und in welcher Gruppe – nicht, wodurch. Ohne diese Angabe lässt sich aus denselben Zahlen jede der beiden Erzählungen bilden, und die Behörde entscheidet nicht darüber, welche gebildet wird.

Dieselbe Kritik wird in dieser Sammlung an anderer Stelle von einer Fanorganisation gegen die Statistik und die Berichterstattung darüber erhoben, und sie ist der Kern des Einwands im Brief aus Mannheim: dass die Zahlen ohne Bezugsgröße und ohne Ursachenzuordnung wiedergegeben werden.

Erwähnt wird in der Stellungnahme auch, dass eine Fachredaktion die Zahlen nüchtern nachgerechnet und bei der Behörde nachgefragt hatte – ein Hinweis darauf, dass die Rechnung nicht nur aus der Fanszene kam.

Die Schlussfolgerung und die Forderungen

Die Kette, die die Stellungnahme aufstellt, ist kurz: mehr Einsatzstunden, mehr Polizei, mehr verletzte Fußballfans – und daraus folge, dass die Einsatzkonzepte auf den Prüfstand müssten.

Die vier Forderungen sind konkret: mehr Schutz von Zuschauern vor Übergriffen durch Einsatzkräfte, eine bundesweite Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte, eine bessere Ausbildung für Stadioneinsätze, und die Überprüfung polizeilicher Lageeinschätzungen durch unabhängige Kommissionen, auch rückwirkend.

Die Kennzeichnungspflicht ist die einzige davon, die seither in mehreren Bundesländern eingeführt wurde; eine bundesweite Regelung gibt es nicht. Unabhängige Kommissionen zur Überprüfung von Lageeinschätzungen bestehen nicht.

Was an der Stellungnahme über die Sache hinausgeht

Ein Absatz, der die Debatte politisch einordnet: Die Vermutung, die Aufregung der Polizeigewerkschaften und einzelner Innenminister über den Fußball solle davon ablenken, dass unter Beobachtung des Verfassungsschutzes zehn Menschen von Neonazis ermordet worden waren und Akten dazu vernichtet wurden.

Das ist eine Zuschreibung von Absicht und als solche nicht belegbar; sie wird hier als Position der Organisation wiedergegeben und nicht als Befund. Bemerkenswert bleibt die Gleichzeitigkeit: Der Bericht über Verletzte bei Fußballspielen erschien im November 2012, mitten in der parlamentarischen Aufarbeitung dieses Falls.

Was von den Zahlen bleibt

Sie sind die belastbarste Größe, die diese Sammlung zur Sicherheitsdebatte enthält, weil sie aus der Behörde selbst kommen und weil ihre Aufschlüsselung die Deutung entscheidet. 514 verletzte Zuschauer in einer Saison, gegen 235 verletzte Beamte, sind eine Zahl, die in keiner der Meldungen jener Wochen vorkam – und sie stand im selben Bericht, auf den sich alle beriefen.

Häufige Fragen

Verfahren und Fristen

Wie setzen sich die 1 142 Verletzten zusammen?

Nach der Aufschlüsselung des Berichts: 235 Polizeibeamte (Vorsaison 243), 393 Unbeteiligte (Vorsaison 344) und 514 Fußballfans, im Bericht als „Störer“ bezeichnet (Vorsaison 259).

Warum ist die Aufschlüsselung entscheidend?

Weil der Anstieg fast vollständig auf die Gruppe der Fans entfällt, während die Zahl der verletzten Beamten leicht gesunken ist. Wer nur die Gesamtzahl nennt, liest daraus gestiegene Fangewalt.

Was fordert die Fanorganisation?

Eine Auflistung der Verletzungsursachen, eine bundesweite Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte, eine bessere Ausbildung für Stadioneinsätze und die Überprüfung polizeilicher Lageeinschätzungen durch unabhängige Kommissionen.