FankulturDokumentation · Deutschland
Stellungnahme

Der Brief aus Mannheim

Sechs Tage vor der Mitgliederversammlung des Ligaverbandes am 12. Dezember 2012 erschien ein offener Brief an die Vertreterinnen und Vertreter aller 36 Profivereine. Er kam nicht von einem der 36, sondern aus der Regionalliga.

Unterzeichnet hatten ihn der SV Waldhof Mannheim 07 e.V., der Fandachverband PRO Waldhof e.V., die Ultras Mannheim 1999 und das Fanprojekt Mannheim/Ludwigshafen.

Vier Ebenen, die in dieser Frage meist getrennt auftreten

In dieser Sammlung ist die gemeinsame Erklärung von Union Berlin der andere Fall dieser Art – dort Präsidium und Fanszene, hier vier Träger.

Der Brief begründet das selbst: In Mannheim bestehe ständiger Kontakt zwischen Verein, Dachverband, einzelnen Fanclubs und Fanprojekt, man rede miteinander statt übereinander, und genau dieser Kontakt mache gemeinsame Standpunkte überhaupt möglich.

Das Argument, das nur ein Viertligist vorbringen kann

Das deutsche Ligensystem ist kein geschlossenes. Ein Konzept, das für die ersten beiden Ligen bindend wird, gilt kurzfristig auch für die heutigen Drittligisten und langfristig für Vereine, die heute tiefer spielen. Diese Aufsteiger müssen es akzeptieren, ohne an seiner Entstehung beteiligt gewesen zu sein.

Das ist ein Punkt, den kein stimmberechtigter Verein so vorbringen kann, weil er ihn nicht betrifft – und er ist der Grund, aus dem dieser Brief in dieser Sammlung steht.

Die beiden Annahmen, denen er widerspricht

Der Brief hält dem Papier zwei Grundannahmen entgegen, die er für falsch hält.

Die erste ist ein spezifisches Gewaltproblem des Fußballs. Er ordnet die Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze ins Verhältnis zur Zahl der Beteiligten ein und weist darauf hin, dass die Statistik nicht unterscheidet, wodurch eine Verletzung entstanden ist. Das ist derselbe methodische Einwand, den auch die Presseschau zum Positionspapier festhält.

Die zweite ist, es sei bislang zu wenig für die Sicherheit getan worden. Dagegen führt er die bestehenden Mittel auf: Kontrollen und Überwachung in den Stadien, die Verbundsdatei „Gewalttäter Sport“ und die flächendeckende Praxis der Stadionverbote.

Der Verfahrensvorwurf

Er ist der Kern und wird zweifach erhoben. Beteiligt wurden weder die Vereine, die das Konzept später übernehmen müssen, noch die Menschen, für die es gilt. Der Brief nennt sie mündige Bürger und leitet daraus einen Maßstab ab: Für den Umgang in Stadien solle geltendes Recht gelten, und Methoden, die tief in Persönlichkeitsrechte eingreifen und rechtlich nicht zweifelsfrei gedeckt sind, seien abzulehnen.

Das Argument, das ein kleiner Verein anders führt

Der Brief nennt die Anhängerschaft ausdrücklich ein Kapital des Vereins und setzt hinzu, dass Vereine, die existenzbedrohende Lagen erlebt haben, ihre Fanbasis als unverzichtbare Konstante schätzen lernen.

Das ist keine Rhetorik. Der Verein war 2003 zahlungsunfähig, spielte 2012 in der Regionalliga und hatte in dieser Zeit vor allem eine verlässliche Größe. Ein Bundesligist kann diesen Satz schreiben; belegen kann ihn ein Klub, der es durchgemacht hat.

Die Frage am Ende

Der Brief schließt mit einer Entscheidungsfrage an die Delegierten: ob sie einen von Emotionen getragenen Fußball mit einer Atmosphäre wollen, die von leidenschaftlichen Anhängern erzeugt wird, oder gut gefüllte Stadien ohne erkennbare Leidenschaft der Zuschauer.

Damit greift er die Aktion auf, die zu diesem Zeitpunkt seit zwei Spieltagen lief und in dieser Sammlung mehrfach dokumentiert ist: die ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden ohne Gesang.

Was am 12. Dezember 2012 geschah

Die Versammlung nahm das Antragspaket an. Zwei Vereine stimmten nicht zu; die Änderungen, die zwischen der ersten und der beschlossenen Fassung vorgenommen wurden, betrafen unter anderem die Ganzkörperkontrollen und das Gästekontingent.

Der Brief hat daran nichts geändert. Was er hinterlässt, ist die Feststellung, dass die Debatte 1 200 Vereine betraf und in einem Raum mit 36 entschieden wurde.

Häufige Fragen

Verfahren und Fristen

Wer hat den Brief unterzeichnet?

Der SV Waldhof Mannheim 07 e.V., der Fandachverband PRO Waldhof e.V., die Gruppe Ultras Mannheim 1999 und das Fanprojekt Mannheim/Ludwigshafen – Verein, Dachverband, aktive Szene und Sozialarbeit gemeinsam.

Warum ein Verein ohne Stimmrecht?

Weil das Ligensystem durchlässig ist: Aufsteiger übernehmen ein Konzept, an dessen Entstehung sie nicht beteiligt waren. Das ist das zentrale Argument des Briefes.

Was wurde gefordert?

Die Anträge am 12. Dezember 2012 abzulehnen und stattdessen das Gespräch mit der eigenen Fanbasis zu suchen.