FankulturDokumentation · Deutschland
1893

Eine Büttenrede auf den eigenen Verein

Im Februar 2013, am Ende der Karnevalszeit, erschien in dieser Sammlung eine Büttenrede: die Konflikte des VfB Stuttgart in Reimen, geschrieben von einem Anhänger.

Der einleitende Absatz nennt den Grund für die Form – mit Narrenkappe auf dem Kopf lasse sich manches Thema leichter verarbeiten – und die Lage: eine sportliche Krise und Kopfschütteln über die eigene Vereinsführung.

Was die Rede aufzählt

Sie geht chronologisch vor und beginnt 2011 mit einem neuen Präsidenten aus dem Management eines Automobilherstellers. Ihm schreibt sie Marketingerfahrung und fehlende Fußballkompetenz zu und zählt die Begriffe auf, mit denen die neue Amtszeit angekündigt wurde – mehr Transparenz, ein eigener Weg, junge Wilde, eine neue Ära.

Danach folgt, was daraus nach ihrer Rechnung geworden ist: eine lustlose Mannschaft, junge Spieler auf der Ersatzbank, eine Transparenzplattform, deren Wert sie bestreitet, eine Stadionshow bis fünf Minuten vor Anpfiff, Kartenpreise von fünfzig Euro für einen Stehplatz, eine aufgeschobene Wappenfrage und Auftritte von Schlagerinterpreten im Stadion.

Und, als eigener Punkt, die Zusammenarbeit des Vereins mit einem Zweitmarktanbieter, deren Wirkung gegen den Schwarzmarkt sie als mangelhaft bewertet.

Jeder Punkt kommt auch anderswo vor

Jeder einzelne Punkt ist in dieser Sammlung auch von anderen Standorten dokumentiert. Die Zusammenarbeit mit einem Zweitmarktanbieter war 2012 und 2013 der größte Fankonflikt in Gelsenkirchen und ist hier als eigenes Thema aufgearbeitet. Die Stadionshow, die den Support verdrängt, kommt in mehreren Berichten vor. Die Wappenfrage betraf gleichzeitig andere Vereine.

Was diese Rede leistet, ist die Bündelung: Sie zeigt, dass es sich nicht um Einzelfälle handelte, sondern um ein Bündel von Entscheidungen, die überall in derselben Reihenfolge fielen – erst die Vermarktung, dann die Sprache, dann der Umgang mit Widerspruch.

Der Begriff, den sie prägt

Scheindialog. Die Rede stellt die vier Wörter, mit denen Vereine ihre Fanpolitik beschrieben – Stolz, Identifikation, Leidenschaft, Tradition –, gegen ihre eigene Bewertung: hohle Phrasen, Zensur, Scheindialog.

Das ist derselbe Vorwurf, den diese Sammlung in ernsthafter Form mehrfach enthält: dass ein Gespräch, dessen Ergebnis feststeht, kein Gespräch ist. In der gemeinsamen Erklärung von Union Berlin steht er als Verfahrenskritik, hier als Reim.

Die Moral am Schluss

Sie ist bemerkenswert konkret für ein Karnevalsformat: Die Kurve täusche man besser nicht. Danach folgt die Ankündigung, dass sie ihr Wort erheben werde.

Ein halbes Jahr später endete die Amtszeit des kritisierten Präsidenten. Der Verein hat seither mehrere Führungswechsel erlebt, spielte 2019 und 2023 in der Relegation und ist einmal abgestiegen; die Vermarktungsentscheidungen, die die Rede aufzählt, sind größtenteils Praxis geblieben.

Was ein Reimtext kann und eine Stellungnahme nicht

Als Quelle kann er etwas, was eine Stellungnahme nicht kann: Er nennt neun Konfliktpunkte in achtzig Zeilen und lässt keinen aus. Eine Stellungnahme argumentiert und wählt aus; eine Beschwerdeliste in Reimen zählt auf.

Der Preis dafür ist die Personalisierung. Die Rede greift den damaligen Präsidenten namentlich an und arbeitet mit Spitznamen; das ist hier nicht wiedergegeben, weil die Kritik in der Sache – an Entscheidungen, nicht an einer Person – vollständig bleibt, wenn man den Namen weglässt.

Diese Sammlung dokumentiert dieselbe Auseinandersetzung an derselben Adresse in ihrer sachlichen Fassung als den Stuttgarter Weg. Die Karnevalsrede ist die kürzere.

Häufige Fragen

Verfahren und Fristen

Was ist eine Büttenrede?

Eine Rede in Reimen, wie sie im Karneval von der Bütt – dem Rednerfass – gehalten wird: Kritik in gebundener Form, die als Spaß vorgetragen wird und deshalb Dinge sagen darf, die anders nicht gesagt würden.

Welche Themen kommen darin vor?

Marketingsprache statt Fußballkompetenz, die Zustimmung zu den Ligapapieren, eine Transparenzplattform, die Stadionshow bis kurz vor Anpfiff, Kartenpreise, die Wappenfrage und die Zusammenarbeit mit einem Zweitmarktanbieter.

Warum diese Form?

Weil sich mit Narrenkappe manches leichter sagen lässt, wie der einleitende Absatz feststellt. Die Reimform macht aus einer Beschwerdeliste einen Vortrag – und die Zuspitzung ist erlaubt.