Viertausend, und die Hälfte schweigt
Im Oktober 2012 fuhr ein Bus von Nürnberg nach Gelsenkirchen: Schneeregen, eine Vollsperrung bei Würzburg, rund 4 000 mitgereiste Anhänger, ein 0:1. Der Bericht ist von der Person geschrieben, die den Bus organisiert hat.
Er ist der ungewöhnlichste Auswärtsbericht dieser Sammlung, weil sein Zorn sich nicht gegen den Gastgeber, die Polizei oder den Verband richtet, sondern gegen die eigene Anhängerschaft.
Die Kritik
Von 4 000 Mitgereisten habe nicht die Hälfte den Mund aufgemacht, weil sie damit beschäftigt gewesen sei, sich zuzuschütten. Wen das Spiel nicht interessiere, solle zu Hause bleiben.
Das ist als Beobachtung nicht überprüfbar und als Quelle wertvoll: Sie kommt von der Person, deren Aufgabe es ist, in diesem Block den Support anzustimmen, und die deshalb genauer als jeder andere weiß, wie viele mitsingen.
Die Zeitmarke
Sie datiert den Wandel auf 2007 – nach dem Pokalsieg des Vereins seien Fanclubs mit fragwürdigem Anhang aufgetaucht. Vorher habe man auf einer Montagabendfahrt in den Norden den ganzen Block per Handschlag begrüßen können.
Das ist die Beschreibung eines Erfolgseffekts, den diese Sammlung an mehreren Standorten dokumentiert: Ein sportlicher Höhepunkt bringt Zulauf, und Zulauf verändert die Zusammensetzung eines Blocks. In Berlin führte er 2001 zur Gründung eines Fanvereins für die Unorganisierten, in Nürnberg nach dieser Darstellung zu einer Auswärtsfahrt, auf der man sich nicht mehr kennt.
Was der Bericht damit benennt, ist keine moralische Frage, sondern eine organisatorische: Ein Block funktioniert akustisch, solange die Mitreisenden ansprechbar sind.
Der Mannschaftsbus
Nach dem Abpfiff empfing die Kurve die eigene Mannschaft geteilt – ein Teil pfiff, ein Teil applaudierte, der Rest schwieg. Danach gingen einige Anhänger zum Mannschaftsbus auf dem Parkplatz, dessen Tor offen war, um der Mannschaft die Meinung zu sagen. Nach Darstellung der Autorin verlief das ruhig und ohne Folgen.
Presseberichte desselben Abends sprachen von Randale. Der Bericht widerspricht dem entschieden und wirft der Berichterstattung vor, sich etwas zusammenzudichten.
Prüfen lässt sich das von außen nicht – zwei Darstellungen desselben Vorgangs, eine von einer Beteiligten, eine von einer Agentur. Festhalten lässt sich nur, dass ein Zusammentreffen von Anhängern und Mannschaftsbus nach einer Niederlage zwei Beschreibungen hat, und dass die Unterscheidung zwischen Protest und Übergriff genau an dieser Stelle getroffen wird.
Der Teil über die eigene Arbeit
Er steht am Ende und ist der Grund, aus dem dieser Text nicht nur ein Auswärtsbericht ist. Nach einem Vorfall im hinteren Teil des Busses auf der Rückfahrt, wegen dem an einer Raststätte gehalten werden musste, stellt sich die Autorin erstmals seit langem die Frage, ob das, was sie für den Verein und dessen Anhänger tue, richtig und lohnenswert sei.
Ehrenamtliche Fanarbeit heiße nicht nur, einen Bus zu organisieren – sie beschäftige sich Tag und Nacht mit Dingen, die Besucher, die ein Ereignis sehen wollen, nicht interessieren.
Das ist die genaueste Beschreibung dessen, was diese Sammlung trägt. Rubriken, Auswärtsbusse, Fanzines, Stellungnahmen und Fanvertretungen sind ehrenamtliche Arbeit einzelner Personen, und sie endet, wenn diese Personen aufhören. Ein anderer Beitrag dieser Sammlung dokumentiert genau diesen Moment als Abschied einer Rubrik.
Ein Sammelbegriff für die eigene Anhängerschaft
Die Beschimpfungen. Der Bericht bezeichnet einen Teil der eigenen Anhängerschaft mit einem Sammelbegriff, der im Titel steht und dort als Adresse dieses Textes bleibt, und verwendet mehrfach eine Wortwahl, die in einer Zusammenfassung nichts zur Sache beiträgt.
Der Vorfall auf der Rückfahrt ist im erhaltenen Text nur angedeutet und wird hier nicht ausgeschrieben – was geschehen ist, geht daraus nicht hervor.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWorum geht es?
Um eine Busfahrt zu einem Auswärtsspiel in Gelsenkirchen im Oktober 2012, geschrieben von der Buscapo – der Person, die den Bus organisiert und im Block anstimmt.
Was ist die zentrale Kritik?
Dass von rund 4 000 mitgereisten Anhängern nicht die Hälfte gesungen habe, weil ein großer Teil mit Trinken beschäftigt war – eine Kritik an der eigenen Seite, nicht am Gegner.
Was geschah am Mannschaftsbus?
Ein Teil der Anhänger ging nach dem Spiel zum Mannschaftsbus, um der Mannschaft die Meinung zu sagen. Nach Darstellung der Autorin verlief das ruhig; Presseberichte desselben Abends sprachen von Randale.