Heimspiel in der Heimatstadt
Als die Auslosung der ersten Pokalrunde 2014 dem 1. FC Kaiserslautern einen Drittligisten zuwies, dachte der Verfasser zunächst über das Sportliche nach – in den Spielen gegen diesen Gegner hatte sich sein Verein zuvor nur einmal wirklich durchgesetzt.
Was den Bericht dann trägt
Etwas anderes. Der Verfasser wurde in Wiesbaden geboren, verbrachte seine Jugend in dem Viertel hinter dem Sportplatz an der Berliner Straße – heute Helmut-Schön-Sportpark – und war mit diesem östlichen Teil der Stadt bis zu seinem Wegzug verbunden.
Vor der Fahrt sah er sich auf Google Maps um und stellte fest, dass rund um das alte Stadion vieles verändert wurde und vieles noch so ist, wie er es in Erinnerung hat.
Zwei Rollen im selben Text
Eine Auswärtsfahrt in die eigene Herkunftsstadt verlangt zwei Rollen gleichzeitig: die des Gastes, der im Gästeblock steht, und die des Einheimischen, der die Wege kennt. Beide Perspektiven im selben Text ergeben eine Beschreibung, die weder ein Reisebericht noch eine Ortschronik leisten kann.
In dieser Sammlung ist eine ähnliche Konstellation dokumentiert, in der eine Anhängerin in Sichtweite eines Stadions aufwuchs, das später in die fünfte Liga abstürzte – auch dort trägt die Biografie den Text und nicht das Spiel.
Der Name des Sportplatzes
Er hat sich geändert, und der Verfasser notiert es mit einem Seitenhieb. Der Platz ist heute nach einem Bundestrainer benannt, der die Nationalmannschaft 1972 zum Europameister- und 1974 zum Weltmeistertitel führte und lange in dieser Stadt lebte.
Damit steht hier eine Umbenennung, gegen die niemand protestiert hat – im Gegensatz zu allen anderen Fällen in dieser Sammlung, in denen Spielstätten neue Namen bekamen. Der Unterschied liegt darin, wer benannt wird: Ein Bundestrainer ist kein Sponsor, und ein Name aus der Sportgeschichte wird als Ehrung gelesen, nicht als Werbefläche.
Dieselbe Unterscheidung trägt den Nürnberger Fall, in dem eine Kurve ihr Stadion nach einem Weltmeister von 1954 benannte und der Name elf Jahre später offiziell wurde.
Der Gegner
Der Verfasser nennt ihn ein Kunstprodukt – eine Zuschreibung, die auf die Geschichte dieses Klubs zielt: Er stammt aus einem Vorort, spielt in der Landeshauptstadt und ist über die Unterstützung eines einzelnen Unternehmers aufgestiegen.
Diese Bewertung gehört zur Tonlage dieser Jahre und ist in dieser Sammlung mehrfach dokumentiert. Bemerkenswert ist, dass sie hier von jemandem kommt, für den es das Heimatstadion ist – die Ablehnung des Klubs und die Verbundenheit mit dem Ort widersprechen sich nicht.
Was ein Pokalspiel dafür leistet
Es ist die einzige Gelegenheit. Ein Zweitligist spielt in Wiesbaden nur, wenn die Auslosung es so will – und für einen Anhänger, der von dort kommt, ist eine solche Losung ein Termin, auf den er nicht hinarbeiten kann.
Deshalb sind Pokalrunden in dieser Sammlung überrepräsentiert: Sie erzeugen Fahrten an Orte, die im Ligabetrieb nie vorkommen, und damit Berichte über Stadien und Städte, die sonst nicht beschrieben werden.
Sentimentale Reise, so genannt
Der Titel zitiert ein Lied und nennt die Fahrt eine sentimentale Reise. Das ist zutreffend und gleichzeitig die Selbstverteidigung des Textes: Wer über die eigene Jugend schreibt, statt über ein Pokalspiel, sagt besser vorher, dass er es tut.
Was Google Maps für solche Texte bedeutet
Der Verfasser prüft seine Erinnerung vor der Fahrt am Satellitenbild und stellt Veränderung und Beständigkeit gegeneinander. Das ist eine Arbeitsweise, die es vor 2010 nicht gab – und sie erklärt, warum Erinnerungstexte dieser Jahre genauer sind als frühere.
Wer eine Straße von vor dreißig Jahren beschreiben will, konnte früher nur erinnern. Seither kann er nachsehen, und was er dann schreibt, ist ein Vergleich zweier Zustände statt einer Erinnerung.
Was um ein Stadion herum liegt
Beschrieben werden in dieser Sammlung sonst Stadien und Kurven, selten aber ihre Umgebung. Ein Sportplatz an einer Berliner Straße, ein Wohnviertel dahinter, eine Jugend in Sichtweite – das ist die Ebene, auf der Menschen zu Vereinen kommen, und sie taucht in keiner Zuschauerstatistik auf.
Für diese Sammlung ist das der Teil, der sich am schwersten belegen lässt. Über Einlass, Kontingente und Sanktionen gibt es Papiere; über den Weg, auf dem jemand als Kind an einem Sportplatz vorbeikommt und dreißig Jahre später zum Pokalspiel anreist, gibt es nur Texte wie diesen.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenUm welches Spiel ging es?
Um ein Erstrundenspiel im DFB-Pokal beim damaligen Drittligisten SV Wehen Wiesbaden, ausgelost für den 1. FC Kaiserslautern im August 2014.
Was macht den Bericht besonders?
Der Verfasser wurde in Wiesbaden geboren und verbrachte seine Jugend im Viertel hinter dem Sportplatz an der Berliner Straße – heute Helmut-Schön-Sportpark. Die Auswärtsfahrt ist für ihn eine Rückkehr.
Wie heißt der Sportplatz heute?
Helmut-Schön-Sportpark, benannt nach dem in Dresden geborenen Bundestrainer, der die Nationalmannschaft 1972 zum Europameister- und 1974 zum Weltmeistertitel führte und lange in Wiesbaden lebte.