Der Friedensgipfel: 70 Schalker an einem Sonntagmorgen
Der Anlass war kein Konflikt mit dem Verein, sondern einer innerhalb der eigenen Kurve. In den Heimspielen gegen Frankfurt und Freiburg war es unter Schalker Anhängern zu Auseinandersetzungen gekommen – gegenseitige Pfiffe, verbale Angriffe, vereinzelt Handgreiflichkeiten. Streitpunkte waren eine Pyro-Aktion der Gruppierung „Hugos“ und das Schweigen der Ultras, das über die zwölf Minuten und zwölf Sekunden der Aktion „Ohne Stimme keine Stimmung“ hinaus die ganzen neunzig Minuten dauerte.
Wer kam
Der Supporters Club lud daraufhin zu einem Krisen- und Friedensgipfel. Trotz kurzer Vorlaufzeit und eines Beginns um 9.04 Uhr an einem Sonntag kamen rund 70 Personen und diskutierten mehr als drei Stunden.
Die Zusammensetzung ist der eigentliche Befund dieses Treffens: Vertreten waren nahezu alle größeren Schalker Fanorganisationen – Ultras, Hugos, die Fan-Initiative, Aufsichtsratsmitglieder und Bezirksleiter des Fanclubverbandes, Fanclubmitglieder und unorganisierte Engagierte, dazu der Sportdezernent der Stadt Gelsenkirchen. Nicht vertreten war die Fanabteilung des Vereins; sie hatte, wie später ergänzt wurde, keine Einladung erhalten und befand sich im Trainingslager in Katar.
Das strukturelle Problem: es gibt keinen Ort dafür
Der Punkt, der über den Tag hinausreicht, wurde früh benannt. Seit der „runde Tisch“ und das Treffen der Fanorganisationen weggefallen waren, fehlte eine allgemein akzeptierte, dauerhafte Kommunikationsplattform. Zusammen fand man nur noch, wenn der Konflikt bereits eskaliert war.
Das erklärt die Tagesordnung: An einem einzigen Sonntagmorgen wurden Kartenpreise, die Distanz des Vereins zur Basis, die Spaltung der Fanszene und die wachsende Lustlosigkeit selbst langjähriger Anhänger verhandelt. Wo es kein regelmäßiges Format gibt, wird jedes Treffen ein Gipfel – und jeder Gipfel überladen.
Der Vertrag, der über allem lag
Der Moderator eines Schalker Diskussionsforums brachte den Zweitmarktvertrag ein: Der Deal mit viagogo habe zahlreiche Anhänger in die innere oder tatsächliche Kündigung getrieben. Und er verband es mit dem zweiten Vorwurf jener Wochen – dass viele sich vom Fanclubverband nicht mehr vertreten fühlten, weil er zu nah am Hauptverein sei.
Ein Anhänger, der zu allen Spielen fährt, berichtete von einem offenen Brief, den er deswegen an den Finanzvorstand geschrieben hatte: Die jahrelange Positionierung des Vereins gegen gewerblichen Kartenhandel werde durch den Vertrag ad absurdum geführt. Mehrere Teilnehmer äußerten sich ähnlich – der lange bekämpfte Schwarzhandel werde so salonfähig.
Die Antwort aus dem Aufsichtsrat
Weil ein Aufsichtsratsmitglied anwesend war, konnte die Gegenseite an diesem Morgen direkt antworten. Die Darstellung: Im Aufsichtsrat sei lange und kontrovers diskutiert worden, auch mit Blick auf die Erfahrungen des Hamburger SV; man sei aber zu dem Ergebnis gekommen, die Modelle seien nicht vergleichbar, da nur zehnmal 300 Karten für Spiele weitergegeben würden, die der Verein selbst bestimmt, und der Vertrag wirtschaftlich wichtig sei.
Dagegen stand ein Einwand, der sich mit einem Blick nachprüfen ließ: Auf der Plattform standen zu diesem Zeitpunkt Nordkurven-Stehplätze für das Champions-League-Spiel gegen Galatasaray Istanbul für über 200 Euro zum Verkauf – obwohl der Vertrag erst zum 1. Juli gelten sollte. Das Angebot, gegen das der Vertrag angeblich schützen sollte, existierte also schon vor dem Vertrag und unabhängig von ihm.
Was der Verband selbst sagte
Bemerkenswert offen war, was die anwesenden Bezirkssprecher des Fanclubverbandes antworteten. Auch intern werde kontrovers diskutiert; die Rückmeldung aus den Bezirken und Fanclubs auf Nachfragen sei aber oft ausgesprochen gering, weil es vielen Mitgliedern vorrangig um Karten gehe. Man wisse, dass man sich anders aufstellen müsse, und bitte um kritische Begleitung – und um etwas Zeit.
Diese Zeit gab es nicht. Vier Wochen später verließ die erste große Gruppierung den Verband (der Austritt der Ultras GE).
Der Satz, der die Spaltung erklärt
Gegen Ende kam die Frage auf, die den Anlass des Treffens berührte: wie zwischen „aktiven“ Anhängern und denen, die einfach ein gutes Spiel sehen wollen, überhaupt kommuniziert werden kann. Der Hinweis dazu war, dass 12:12 gezeigt habe, wie das Verständnis füreinander wächst, wenn beide Seiten dasselbe tun.
Genau darin liegt der Grund, warum dieser Januar für die Schalker Fanszene ein Wendepunkt war. Die Aktion, die die Kurven im Dezember geeint hatte, hatte sie im eigenen Stadion gespalten – weil ein Teil sie fortsetzte und ein anderer nicht. Und der Vertrag, gegen den sich alle einig waren, traf auf eine Vertretung, der die Mehrheit nicht mehr zutraute, ihn zu bekämpfen.