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Kurvenstar

Transparente auf allen vier Tribünen

Am 19. Januar 2013, beim ersten Heimspiel der Rückrunde, gewann der FC Schalke 04 in einer turbulenten Partie 5:4 gegen Hannover 96. Das beherrschende Thema in der Arena war ein anderes: An rund zwölf kleinen und fünf großen Transparenten machten die Zuschauer ihren Unmut über den Vertrag mit einer Zweitmarktplattform deutlich – und zwar auf allen vier Tribünen.

Warum die Verteilung im Stadion die Nachricht war

Protest in einem Fußballstadion kommt fast immer aus einem Block. Er hängt in der Kurve, wird dort vorbereitet und dort gelesen, und der Rest des Stadions nimmt ihn zur Kenntnis. Ein Stimmungsbild, das auf allen vier Seiten gleichzeitig hängt, ist deshalb eine andere Aussage: Es sagt nicht, dass die aktive Szene gegen etwas ist, sondern dass es dazu keine zweite Meinung gibt.

Für diese Arena war das nach Einschätzung der Beteiligten neu. Und es kam vier Wochen nachdem der Vertrag bekannt geworden war – am ersten Tag der Winterpause, also zum spätesten Zeitpunkt, an dem eine Reaktion vor dem nächsten Heimspiel nicht möglich war.

Was die Zuschauer nicht überzeugt hat

Die Begründung des Vereins war zu diesem Zeitpunkt bekannt: Der Schwarzmarkt sei nicht mehr effektiv zu kontrollieren, deshalb sei es besser, den Zweitmarkt zu offizialisieren und ihm Regeln zu geben. Weitergegeben würden nur 300 Karten je Spiel, und zwar für Partien ohne erwartete Vollauslastung.

Dagegen standen drei Einwände, die sich in den Wochen darauf nicht auflösten. Der Vertrag umfasste die Übernahme der kompletten Ticketbörse des Vereins, nicht nur ein Kontingent. Erlaubt waren Aufschläge von bis zu hundert Prozent, was die eigenen Verkaufsbedingungen nicht vorsahen. Und Anhänger, die Karten weiterverkauft hatten, waren zuvor mit Vertragsstrafen belegt worden – dieselbe Praxis also, für die andere sanktioniert wurden, wurde nun vertraglich abgesichert.

Der Weg über die Satzung

Der eigentliche Vorgang begann nach dem Spiel. Zwei Mitglieder begannen, Unterschriften für die Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung nach der Vereinssatzung zu sammeln – der einzige Weg, auf dem Mitglieder eines eingetragenen Vereins ein Thema erzwingen können, das die Gremien nicht behandeln wollen.

Die Kampagne nannte sich „ViaNOgo“, richtete eine eigene Seite ein und finanzierte ihre Druckkosten über Spenden, mit der Ansage, ein etwaiger Überschuss gehe an eine soziale Einrichtung in Gelsenkirchen. Das ist der Unterschied zwischen einem Spruchband und einem Verfahren: Ein Transparent hängt neunzig Minuten, eine Unterschriftensammlung läuft, bis die erforderliche Zahl erreicht ist oder nicht.

Ohne Unterstützung der Fanvertretung

Die Sammlung lief bis ins Frühjahr 2013 und wurde von der Fanvertretung nicht unterstützt – diese verweigerte überwiegend sogar die Weitergabe der Information an ihre Mitglieder, was zu den Gründen gehörte, aus denen die Ultras Gelsenkirchen den Verband verließen.

Damit markiert dieser Spieltag den Punkt, an dem der Konflikt seine Ebene wechselte. Bis zum 19. Januar ging es um einen Vertrag. Danach ging es um die Frage, wer für die Mitglieder eines Vereins mit sechsstelliger Mitgliederzahl sprechen darf, und über welche Verfahren sie ihre eigenen Gremien erreichen. Der Ticket-Zweitmarkt blieb dabei das Thema, das die Auseinandersetzung ausgelöst hatte, aber nicht mehr das, um das gestritten wurde.