FankulturDokumentation · Deutschland
Rotstift

Der Rückzugsort im Grünwalder

Der Text beginnt mit einer Entschuldigung: Der Verfasser kündigt den unmöglichen Versuch an, mit Worten einzufangen, was die Amateure des FC Bayern ihren Anhängern bedeuten. Was danach folgt, ist trotzdem eine brauchbare Beschreibung eines Vorgangs, der an mehreren Standorten zugleich stattfand.

Der Ablauf eines solchen Nachmittags

Man fährt sonntags zum Grünwalder Stadion, holt an der Kasse eine Karte und geht auf die Gegengerade. Empfangen wird man nicht von Hostessen mit Werbeflyern, sondern von einer kleinen Gruppe, die sich teilweise erst in der Nacht von einem Auswärtsspiel der Profis zurückgemeldet hat.

Diese Aufzählung ist der ganze Unterschied. Kein Vorverkauf, keine Personalisierung, kein Rahmenprogramm, kein Kartenkontingent – und deshalb kein Anlass für die Konflikte, die in dieser Sammlung sonst den größten Teil ausmachen.

Warum das mehr ist als Nostalgie

Der Beitrag nennt zwei nachprüfbare Gründe. Erstens gibt es Anhänger, die nur noch die Amateure unterstützen, und die Zahl wächst. Zweitens finden immer mehr junge Fans den Weg dorthin, weil sie bei den Profis kaum noch ins Stadion kommen.

Der zweite Punkt ist der harte. In einem dauerhaft ausverkauften Stadion mit langen Wartelisten ist der Zugang für Nachwuchs faktisch geschlossen – dieselbe Ursache, die in dieser Sammlung zu leeren Reihen in der Südkurve geführt hat. Wer mit vierzehn keine Karte bekommt, geht dorthin, wo es eine an der Kasse gibt.

Was dort entsteht

Der Beitrag hält fest, dass viele bekannte Kurvenlieder ihren Anfang bei den Amateuren nahmen. Das ist die interessanteste Beobachtung des Textes, und sie ist plausibel: Neue Gesänge brauchen einen Raum, in dem wenige hundert Menschen stehen, sich gegenseitig hören und etwas ausprobieren können, ohne dass es funktionieren muss.

In einem Block mit zwanzigtausend Menschen ist das unmöglich. Eine kleine Kurve ist damit nicht die Verkleinerung einer großen, sondern ihre Entwicklungsabteilung – und dieser Zusammenhang wird in Debatten über Stehplätze und Kapazitäten nie erwähnt.

Die Lieder selbst

Zitiert werden Zeilen über Fahrten nach Singapur und ans Schwarze Meer, über Unterstützung mit Klopapier, über Reykjavík mit Bier und ohne Geld. Die Übertreibung ist der Witz, und sie funktioniert nur bei einer Mannschaft, die niemals in Singapur spielen wird.

Genau daran hängt der Charakter dieser Kurven: Sie parodieren die Formeln der Profifankultur und benutzen sie gleichzeitig ernsthaft. Der Beitrag beschreibt beides nebeneinander, ohne es aufzulösen.

Die zweite Hälfte einer Bewegung, die sonst nur klagt

Über Kommerzialisierung wird viel geschrieben; wohin die Leute gehen, die sich ihr entziehen, kaum.

Der Befund ist an mehreren Standorten derselbe – in München bei zwei Vereinen gleichzeitig, wie der Bericht über das Aufstiegsspiel der 1860-Amateure zeigt, und in Dortmund, Hamburg und Köln in derselben Zeit. Was in den Zuschauerzahlen der Liga fehlt, findet sich auf Nebenplätzen mit Kassenhäuschen.

Was an dem Text bemerkenswert bleibt

Er ist als Liebeserklärung geschrieben und beschreibt trotzdem eine Struktur. Genannt werden die Freundschaften, die in einer Szene über Jahre wachsen, die Beziehungen, die dort entstehen und wieder zerbrechen, und die Fahrten mit den Profis durch Europa – und dann der eine Ort, an dem all das ohne Aufwand weitergeht.

Das ist die Funktion, die eine zweite Mannschaft für eine Fanszene erfüllt: nicht Ersatz für den Fußball, sondern Ersatz für die Zugänglichkeit, die der Verein an anderer Stelle aufgegeben hat.

Der Ort selbst

Das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße in Giesing ist der älteste Spielort des Münchner Profifußballs und wurde über Jahrzehnte von beiden großen Vereinen der Stadt genutzt. Nach dem Umzug in den Norden blieb es den Amateur- und Jugendmannschaften und zeitweise dem Zweitligabetrieb – mit Stehplätzen, offenen Rängen und einer Kapazität, die einen Bruchteil der Arena beträgt.

Der zweite Spielort der Amateure ist der Platz an der Säbener Straße neben dem Vereinsgelände, den Anhänger die Hermann-Gerland-Kampfbahn nennen – nach dem Trainer, der die Mannschaft über Jahre führte und aus ihr eine Reihe späterer Nationalspieler in die erste Mannschaft brachte. Ein Name, der von der Kurve verliehen wurde und in keinem Stadionregister steht, ist selbst ein Stück Fankultur: Er benennt nicht den Sponsor und nicht die Stadt, sondern die Person, die den Ort geprägt hat.

Damit hat München eine Besonderheit: Die Rückzugsorte beider Fanszenen liegen im selben Stadtteil und zeitweise in derselben Spielstätte. Wer dort sonntags auf der Gegengerade steht, tut das an einem Ort, an dem die Vereinsgeschichte beider Klubs stattgefunden hat – und genau daraus bezieht ein Amateurspiel die Bedeutung, die seine Spielklasse nicht hergibt.