Jeder zweiundvierzigste Zuschauer
Der Beitrag beginnt mit einer Feststellung, die im Dezember 2012 zutreffend war: Statistiken rund um Fußballfans seien groß in Mode, würden überall zitiert und dienten allerorts als Beleg für die ganz große Wahrheit. Anlass genug, selbst zu rechnen.
Was folgt, ist eine Satire mit echten Zahlen – und die schärfste Methodenkritik dieser Sammlung.
Die Ausgangszahlen
In der Saison 2011/12 besuchten 18 981 617 Zuschauer die 712 Spiele der beiden Bundesligen, im Schnitt 26 660 pro Spiel. 2002 lag der Schnitt bei 18 801 – ein Wachstum von 41,8 Prozent.
Diese Zahlen sind korrekt zitiert und öffentlich. Alles Weitere ist die Übung.
Die erste Rechnung
Wäre Deutschland ein Stadion, schreibt der Beitrag, gäbe es keinen demografischen Wandel – bei einem Bevölkerungswachstum von 41,8 Prozent in zehn Jahren wären die Renten gesichert.
Das ist der Grundwitz und gleichzeitig der Befund: Eine Wachstumsrate lässt sich nur bewerten, wenn man weiß, worauf sie sich bezieht. Ein Stadionpublikum wächst durch Umbauten, neue Vereine in der Liga und veränderte Zählweisen; eine Bevölkerung nicht.
Die zweite
Er rechnet die Auslastung hoch und bestimmt, wann welches Stadion überfüllt wäre: eines in Freiburg statistisch bereits 2008/09, eines in Leverkusen 2018/19, eines in Gelsenkirchen 2057/58, und das größte deutsche Stadion 2081/82 – in dem derzeit drei Bundesligaspiele gleichzeitig stattfinden könnten.
Die Übung zeigt, was eine lineare Fortschreibung wert ist. Sie liefert Jahreszahlen mit zwei Stellen Genauigkeit für Vorgänge, die niemand über siebzig Jahre fortschreiben würde – und genau diese Form von Hochrechnung stand 2012 in Papieren über die Entwicklung von Gewalt.
Die dritte
Er legt die 26 660 Zuschauer auf gesellschaftliche Anteile um: 169 hätten einen Kindergartenplatz, 1 440 wären über achtzig, vier hätten eine künstliche Niere, 264 wären Reinigungskräfte. Sein Kommentar dazu: Wir sind die Kurve, wir sind das Volk.
Das ist die eigentliche Pointe. Dieselbe Rechenoperation, mit der eine Kurve zum Gefährdungspotenzial erklärt wird, macht sie auch zum Querschnitt der Republik – weil eine Durchschnittsmenge alles enthält, was in der Grundgesamtheit vorkommt.
Und die vierte
Der Beitrag rechnet aus, dass im Stadion jeder 42,18. Zuschauer potenziell gewalttätig sei.
Die Zahl kommt aus derselben Quelle, aus der die Sicherheitsdebatte ihre Zahlen bezog, und sie ist in dieser Form unbrauchbar – zwei Dezimalstellen bei einer Größe, die auf Zuordnungen beruht, deren Ursachen nicht erfasst sind. Diese Sammlung dokumentiert die ernsthafte Fassung dieses Einwands als Kritik an der Verletztenstatistik: 1 142 Verletzte, aufgeschlüsselt nach Rollen, ohne Angabe der Ursache.
Der satirische Beitrag hier kommt zwei Wochen nach der Abstimmung und einen Monat nach der ernsthaften Fassung. Beide sagen dasselbe.
Echte Zahlen, absurde Ergebnisse
Erfunden ist daran nichts. Alle Rechenwege sind zulässig, alle Ausgangszahlen echt, und alle Ergebnisse absurd. Damit ist gezeigt, dass die Beweiskraft nicht in den Zahlen liegt, sondern in der Auswahl der Rechnung – und dass diese Auswahl in der Debatte von denen getroffen wurde, die ein Ergebnis brauchten.
Dieselbe Methode benutzt diese Sammlung an anderer Stelle für Sprache statt für Zahlen: Der satirische Jahresausblick überträgt die Maßnahmen unverändert auf andere Lebensbereiche, und die Boulevardsatire tauscht den Gegenstand. Dreimal dasselbe Verfahren, dreimal derselbe Nachweis.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWelche Zahlen nimmt der Beitrag?
Die Zuschauerzahlen der Saison 2011/12: 18 981 617 Besucher bei 712 Spielen, im Schnitt 26 660 pro Spiel – gegenüber 18 801 im Jahr 2002, ein Wachstum von 41,8 Prozent.
Was macht er damit?
Er wendet sie so an, wie es die Sicherheitsdebatte mit ihren Zahlen tat: hochgerechnet, auf andere Bereiche übertragen und in Anteile umgelegt – bis die Schlüsse absurd werden.
Was ist der Punkt der Rechnung?
Dass eine Zahl ohne Bezugsgröße und ohne Methode alles belegen kann. Der Beitrag schreibt das als Satire und trifft damit den methodischen Kern der Debatte.