Ein offener Brief eines Mitglieds
Im Frühjahr 2013 stand der FC Schalke 04 in einem Konflikt mit seiner eigenen Fanszene, der über Wochen eskalierte: eine Zusammenarbeit mit einer Ticket-Zweitmarktplattform, eine unterbundene außerordentliche Mitgliederversammlung, eine vom Vereinsgelände verwiesene Unterschriftenaktion. Am 1. März 2013 veröffentlichte ein Mitglied dazu einen offenen Brief an den Aufsichtsratsvorsitzenden.
Wer da schreibt
Ein einzelnes Vereinsmitglied, keine Gruppe und kein Gremium. Der Name wird hier nicht genannt – es handelt sich um eine Privatperson, die sich zu einer Vereinsfrage geäußert hat, und der Vorgang ist ohne den Namen vollständig beschreibbar.
Genau darin liegt die Bedeutung des Dokuments. Alle anderen Stellungnahmen dieses Streits kamen von organisierten Gruppen, vom Fanclub-Verband oder vom Supporters Club; dieser Brief zeigt, was ein Mitglied ohne Amt tun kann.
Die Frage, die er stellt
Sie ist die einzige, auf die es dem Verfasser ankommt: Warum lässt der Aufsichtsrat zu, dass man im Verein seine Meinung nicht mehr äußern darf?
Damit ist der Konflikt nicht als Sachfrage adressiert – nicht der Vertrag, nicht die Konditionen, nicht der Zweitmarkt –, sondern als Verfahrensfrage. Für ein Mitglied ist das die richtige Adresse: Über einen Vertrag entscheidet der Vorstand, über die Frage, ob eine Mitgliederversammlung stattfinden darf, entscheidet die Satzung und ihre Anwendung.
Was der Brief daneben aufwirft
Er fragt, ob Begriffe wie Tradition, Kohle und Kumpel dem Adressaten noch etwas bedeuten, und er benennt die Veränderung, die viele nicht begreifen. Diese Sprache ist die eines Mitglieds und nicht die einer Stellungnahme, und sie enthält Zuspitzungen – darunter ein Vergleich mit einem untergegangenen Staat und ein Bild von einer Mutter, die ihr Kind aussetzt.
Beides wird hier nicht übernommen. Solche Vergleiche schwächen ein Argument, und sie sind der Grund, aus dem offene Briefe von Vereinsführungen regelmäßig unbeantwortet bleiben: Sie liefern den Anlass, den Ton zu beanstanden statt die Frage.
Die einzige Form zwischen zwei Versammlungen
Einem Mitglied bleibt zwischen zwei Mitgliederversammlungen nichts anderes. Ein Antrag braucht eine Versammlung, eine Klage braucht einen Anspruch, ein Boykott braucht eine Gruppe. Ein offener Brief braucht nur eine Veröffentlichungsmöglichkeit – und die stellte in diesem Fall ein Fanblog.
Dass Fanmedien solche Briefe veröffentlichten, ist der eigentliche Befund dieser Sammlung an dieser Stelle. Ohne sie hätte die Äußerung eines einzelnen Mitglieds keinen Ort gehabt, und in den Vereinsunterlagen wäre der Vorgang nicht vorhanden.
Der Zusammenhang
Der Streit selbst und sein Verlauf sind gesondert dokumentiert (Übersicht); die Frage nach den Zuständigkeiten im Verein steht in einem eigenen Beitrag. Vier Monate nach diesem Brief dauerte die Jahreshauptversammlung des Vereins fast sieben Stunden.
Damit ist die Frage des Briefes am Ende doch gestellt worden – nicht vom Aufsichtsrat beantwortet, sondern von der Versammlung selbst, die genau so lange brauchte, weil sie vorher nicht stattfinden durfte.