Was ein Fanprojekt ist – und was es nach dem Derby sagte
Am 30. Oktober 2013 veröffentlichten das Fan-Projekt Dortmund und das Schalker Fanprojekt eine gemeinsame Presseerklärung zu den Vorfällen rund um das Revierderby vom 26. Oktober. Sie mahnten zur Besinnung: für einen respektvollen Umgang, gegen Gewalt, und für eine Rivalität, die beide Vereine aushalten können.
Der Inhalt der Erklärung ist damit knapp zusammengefasst. Interessanter ist, wer sie abgegeben hat – weil Fanprojekte in Berichten über Fußball regelmäßig vorkommen und selten erklärt werden.
Der Auftrag
Fanprojekte arbeiten sozialpädagogisch mit jugendlichen und jungen erwachsenen Fußballfans, präventiv und in Krisen. Der Auftrag stammt aus dem Nationalen Konzept Sport und Sicherheit, kurz NKSS – der gemeinsamen Grundlage, auf die sich Verbände, Ligen, Bund, Länder und Kommunen für die Arbeit an Sicherheit und Fankultur verständigt haben. Genannt sind dort die Ziele, an denen die Arbeit ausgerichtet ist: gegen Gewalt, gegen Diskriminierung, gegen Rassismus, und für eine positive Fankultur, die gemeinsam mit den Fans entsteht.
Der letzte Halbsatz ist der entscheidende. Ein Fanprojekt arbeitet nicht über eine Fanszene, sondern in ihr – was seine Wirksamkeit erklärt und gleichzeitig, warum es in Konflikten regelmäßig zwischen die Fronten gerät.
Praktisch heißt das eine doppelte Erwartung, die sich nicht erfüllen lässt. Von der Sicherheitsseite wird erwartet, dass ein Fanprojekt beruhigt und im Ernstfall Auskunft gibt; von der Fanseite, dass es Vertrauen hält und eben keine Auskunft gibt. Sozialarbeit lebt von Verschwiegenheit, Sicherheitsarbeit von Informationen – und ein Fanprojekt steht zwischen beiden, ohne die Erwartung auf einer der Seiten enttäuschen zu dürfen. Wer verstehen will, warum diese Einrichtungen sich öffentlich meist zurückhaltend äußern, findet hier den Grund.
Die Dreiteilung der Finanzierung
Finanziert werden die Fanprojekte von der DFL, vom jeweiligen Land – im Ruhrgebiet also von Nordrhein-Westfalen – und von der Kommune. Diese Konstruktion ist kein Zufall, sondern der Kern der Unabhängigkeit: Eine Einrichtung, die von drei Seiten Geld erhält, ist keiner der drei Seiten ausgeliefert.
Vergleichen lässt sich das mit dem Fall, den die Kurven in denselben Monaten diskutierten. Eine Fanvertretung, die ausschließlich vom eigenen Verein abhängt, verliert im Konflikt mit diesem Verein ihre Handlungsfähigkeit – die Auseinandersetzung um den Schalker Fan-Club-Verband lief 2013 genau daran entlang. Ein Fanprojekt ist gegen dieses Problem nicht immun, aber es ist anders gebaut.
Drehpunkteinrichtung
Der Begriff, mit dem die Fanprojekte sich selbst beschreiben, ist der einer unabhängigen Drehpunkteinrichtung: Stelle zwischen Fans, Verein, Polizei, Kommune und Verband. Praktisch heißt das Anwesenheit – bei Heimspielen, auf Auswärtsfahrten, in Gesprächsrunden nach Vorfällen, in Verfahren um Stadionverbote.
Diese Rolle taucht in mehreren Vorgängen jener Jahre auf, meist an derselben Stelle: dort, wo eine Eskalation noch abwendbar wäre. Beim Auswärtsspiel des FC Augsburg in Fürth im Dezember 2012 wurde das deeskalierende Eingreifen der Fanprojekt-Mitarbeiter von der eingesetzten Polizeieinheit unterbunden (der offene Brief dazu). Nach dem Derby 2013 war es umgekehrt: Die Fanprojekte waren die Instanz, die sich zuerst gemeinsam äußerte.
Unabhängigkeit ist eine Konstruktion, keine Haltung
Der Zusatz „unabhängig“ in der Selbstbeschreibung meint nichts Gesinnungsmäßiges, sondern die Organisationsform: eigener Träger, eigenes Personal, drei Geldgeber. Ein Fanprojekt ist deshalb kein Vermittlungsdienst, der bei Bedarf gerufen wird, sondern eine Einrichtung mit laufendem Auftrag – und genau das erklärt, warum sie nach Vorfällen von sich aus Stellung nehmen kann.
Warum die gemeinsame Erklärung zählte
Zwischen Schalke und Dortmund gemeinsam aufzutreten, ist an sich eine Aussage. Die Rivalität ist die intensivste im deutschen Fußball, und jede Stellungnahme, die nur eine der beiden Szenen adressiert, wird dort als Parteinahme gelesen – weshalb Appelle nach einem Derby regelmäßig verpuffen.
Die Vorfälle jenes Wochenendes hatten zudem eine Folge, die sich unmittelbar anschloss: Der BVB entzog wenige Tage später drei Ultra-Gruppen die Auswärtsdauerkarten, was den Support im Gästeblock der folgenden Wochen sichtbar veränderte. Die Erklärung der Fanprojekte steht damit am Anfang einer Kette von Reaktionen, die bis in den Februar 2013 reichte – und sie ist der Teil dieser Kette, der nichts sanktionierte, sondern nur redete.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWas ist ein Fanprojekt?
Eine sozialpädagogische Einrichtung, die mit jugendlichen und jungen erwachsenen Fußballfans arbeitet – präventiv und in Krisen. Grundlage ist das Nationale Konzept Sport und Sicherheit (NKSS). Fanprojekte sind organisatorisch unabhängig von den Vereinen und arbeiten als Drehpunkteinrichtungen zwischen Fans, Verein, Polizei und Kommune.
Wer finanziert sie?
Zu dritt: die DFL, das jeweilige Land – im Ruhrgebiet Nordrhein-Westfalen – und die Kommune. Diese Dreiteilung ist der Grund, aus dem ein Fanprojekt keinem der Beteiligten allein verpflichtet ist.
Was ist das NKSS?
Das Nationale Konzept Sport und Sicherheit, die gemeinsame Grundlage von Verbänden, Ligen, Bund, Ländern und Kommunen für die Arbeit an Sicherheit und Fankultur. Aus ihm leitet sich der Auftrag der Fanprojekte ab: Arbeit gegen Gewalt, Diskriminierung und Rassismus.
Warum eine gemeinsame Erklärung von Schalke und Dortmund?
Weil die Rivalität beider Vereine die intensivste im deutschen Fußball ist und weil die Vorfälle rund um das Derby vom 26. Oktober 2013 beide Seiten betrafen. Eine Erklärung, die nur eine Szene adressiert, wird dort als Parteinahme gelesen.