Englische Fans und die Stehplätze
In der Nacht zum 5. Februar 2013 zeigte ZDFinfo eine Folge der Reihe „Verrückt nach Fußball“ über englische Anhänger. Die Sammlung wies auf die Sendung hin und fasste ihren Befund zusammen: Die englische Fanszene blicke inzwischen neidvoll nach Deutschland.
Der Hinweis ist kurz. Die Frage, die er stellt, ist die interessanteste, die eine deutsche Fanszene 2013 stellen konnte – weil England zeigte, was am Ende des Weges liegt, den das Sicherheitspapier eingeschlagen hatte.
Was England 2013 war
Das Mutterland des Fußballs, mit Regeln aus dem 19. Jahrhundert und den ersten Fangesängen der frühen 1960er Jahre. Weltweit übertragen, mit Anhängern in dreistelliger Millionenzahl, und für die meisten Spieler das erste Ziel.
Und gleichzeitig, so der Befund der Sendung, das Land mit dem größten Verlust auf der Seite der Anhänger. Die Kartenpreise stiegen seit der Abschaffung der Stehplätze stetig, die Vereine gehörten ausländischen Eigentümern, und für viele – vor allem jüngere – Anhänger fand der Fußball nur noch im Pub statt.
Die Entscheidung, um die es geht
Sie fiel nach der Katastrophe von Hillsborough am 15. April 1989, bei der 97 Menschen im Gästebereich eines Stadions in Sheffield starben. Der Untersuchungsbericht, der darauf folgte, führte 1990 zu der Vorgabe, dass die Stadien der oberen englischen Ligen ausschließlich Sitzplätze anbieten dürfen.
Diese Reihenfolge ist der Kern der Sache und wird in der deutschen Debatte oft verkürzt. Die Abschaffung der Stehplätze war die Antwort auf ein Unglück mit 97 Toten, und die Ursache dieses Unglücks lag – wie ein späterer Untersuchungsbericht 2012 feststellte – nicht bei den Anhängern, sondern in der Einsatzführung und in einer über Jahre falschen Darstellung des Geschehens.
Der Umbau kostete Plätze und Geld, und beides wurde über die Kartenpreise finanziert. Damit ist der Zusammenhang, den die Sendung zeigt, kein rhetorischer: Aus einer Sicherheitsmaßnahme wurde eine Preisstruktur, und aus der Preisstruktur eine andere Zuschauerschaft.
Das Beispiel, das die Fanszenen dagegenhielten
Im Herbst 2012 stand die Umwandlung von Steh- in Sitzplätze in den zehn Eckpfeilern der Sicherheitskonferenz , und die Fanszenen hielten genau dieses Beispiel dagegen. Die deutsche Besonderheit – große Stehplatzbereiche mit umklappbaren Sitzen für internationale Spiele und vergleichsweise niedrige Preise – war 2013 kein Zufall, sondern das Ergebnis der Entscheidung, den englischen Weg nicht zu gehen.
Diese Sammlung dokumentiert die Gegenposition an mehreren Stellen, und die Sendung liefert dazu die Außenansicht: Anhänger eines Landes, das den Umbau hinter sich hat, beschreiben ihn als Verlust.
Was an dem Vergleich nicht stimmt
Er lässt einen Unterschied weg, und der Beitrag nennt ihn nicht. Die englische Entwicklung hatte zwei Ursachen, die nur zufällig zusammenfielen: die Sicherheitsvorgabe von 1990 und die Gründung der Premier League 1992 mit ihren Fernsehverträgen. Die Preise stiegen, weil beides gleichzeitig geschah – der Umbau kostete, und die Nachfrage wuchs.
Wer den englischen Weg also allein auf die Stehplatzfrage zurückführt, verkürzt ihn. Umgekehrt gilt aber auch: Die Sitzplatzvorgabe war die Voraussetzung dafür, dass sich Preise überhaupt so weit erhöhen ließen, denn erst sie machte aus einem billigen Massenplatz ein zählbares, einzeln verkäufliches Gut.
Die Reihe, in der die Folge stand
Vorherige Teile behandelten die Anhängerschaften der EM-Gastgeber Polen und Ukraine sowie die Entwicklung der italienischen Fankultur – letztere ist in dieser Sammlung als eigener Hinweis dokumentiert.
Damit ergibt die Reihe einen Vergleich über vier Länder, und die drei Fälle daneben zeigen denselben Befund in verschiedenen Formen: In Italien war es die personalisierte Fankarte, in England die Preisstruktur, in Polen und der Ukraine der Umbau für ein Turnier. Jedes Mal war der Anlass Sicherheit, und jedes Mal war die Folge eine andere Zuschauerschaft.
Was seither geschehen ist
Der Preis hat sich in England zu einem eigenen Konflikt entwickelt: Fanorganisationen erreichten 2016 eine Obergrenze für Auswärtstickets in der Premier League, und Kampagnen für erschwingliche Karten laufen weiter.
Und die Stehplätze sind teilweise zurück. Nach jahrelangen Kampagnen wurden ab der Saison 2021/22 zugelassene Stehbereiche mit Schienensitzen erprobt und anschließend ausgeweitet – über dreißig Jahre nach der Entscheidung, die sie abgeschafft hatte.
Das ist die Antwort auf die Frage, die dieser Hinweis 2013 offenließ. Eine Maßnahme, die nach einem Unglück getroffen wurde, war nicht endgültig; sie wurde korrigiert, als sich zeigte, dass sich Sicherheit und Stehplätze technisch vereinbaren lassen. Für die deutsche Debatte desselben Jahres heißt das, dass die Fanszenen mit ihrem Beispiel richtig lagen – und dass es dreißig Jahre gedauert hat, bis das im Ursprungsland anerkannt wurde.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWas war die Sendung?
Eine Folge der Reihe „Verrückt nach Fußball“ in ZDFinfo, ausgestrahlt in der Nacht zum 5. Februar 2013, über die Lage der englischen Anhängerschaft. Vorherige Folgen behandelten Polen und die Ukraine sowie die italienische Fankultur.
Warum wurden die Stehplätze abgeschafft?
Nach der Katastrophe von Hillsborough 1989, bei der 97 Menschen starben. Der darauf folgende Untersuchungsbericht führte 1990 zur Vorgabe reiner Sitzplatzstadien in den oberen englischen Ligen.
Ist das rückgängig gemacht worden?
Teilweise. Nach jahrelangen Fankampagnen wurden ab der Saison 2021/22 in England wieder zugelassene Stehplatzbereiche mit Schienensitzen erprobt und danach ausgeweitet.