Coloniacs gegen fremde Schals
Das vermehrte Auftauchen schwarzgelber Fanartikel im Müngersdorfer Stadion und in dessen Südkurve war der Kölner Ultragruppe ein Dorn im Auge. Unter der Überschrift „Respekt und Toleranz“ wandte sie sich im Februar 2014 in einem längeren Text dagegen.
Wie die Gruppe argumentiert
Einleitend legt sie dar, was Freundschaft für sie bedeutet – ein unschätzbar hohes Gut – und dass sie die Kurve behutsam mit den bestehenden Fanfreundschaften vertraut mache.
Das ist die Voraussetzung ihrer Kritik und der Grund, aus dem der Text nicht als Abgrenzungsreflex funktioniert. Wer eigene, über Jahre gewachsene Verbindungen pflegt, kann begründen, warum eine zugeschriebene Verbindung etwas anderes ist.
Der Gegenstand
Nicht Anhänger des anderen Vereins, sondern eigene Besucher, die dessen Artikel in der eigenen Kurve tragen – als Sympathiebekundung. Im Blick hatte die Gruppe dabei eine Facebook-Seite unter dem Titel einer Fanfreundschaft zwischen den beiden Vereinen, die zu diesem Zeitpunkt über 42 000 Zustimmungen hatte, mit steigender Tendenz.
Damit ist ein Vorgang beschrieben, den es vor sozialen Netzwerken nicht gab: Eine Fanfreundschaft entsteht nicht mehr durch gemeinsame Fahrten und Kontakte, sondern durch eine Seite, die jemand anlegt und die Zustimmung sammelt.
Eine Fanfreundschaft erzeugt Verpflichtungen
In dieser Sammlung ist das an einer gewachsenen Verbindung beschrieben – mit einem Fanclub, der zu einem Auswärtsspiel des Verbündeten nach Istanbul fährt.
Eine Seite mit 42 000 Zustimmungen erzeugt davon nichts und behauptet trotzdem das Verhältnis. Für die Gruppe, die Kontakte, Absprachen und Fahrten organisiert, ist das keine Erweiterung ihrer Freundschaften, sondern eine Aussage über ihre Kurve, die sie nicht getroffen hat.
Was daran über 2014 hinausgeht
Der Vorgang ist der früheste in dieser Sammlung dokumentierte Fall, in dem eine Fanszene sich gegen eine Zuschreibung aus einem sozialen Netzwerk wehren muss. Bis dahin richteten sich solche Stellungnahmen gegen Vereine, Verbände, Polizei und Presse – hier gegen eine Interessenseite ohne Absender.
Und er beschreibt ein Zuordnungsproblem, das seither Standard geworden ist. Was eine Fanszene ist, wer für sie spricht und welche Verbindungen sie unterhält, wird heute überwiegend außerhalb der Kurve verhandelt: in Netzwerken, in denen Zustimmung zählt und Zugehörigkeit nicht geprüft wird.
Bemerkenswert zurückhaltend
Er ist bemerkenswert zurückhaltend. „Respekt und Toleranz“ als Überschrift eines Textes, der das Tragen fremder Vereinsartikel beanstandet, ist eine Entscheidung – die Alternative wäre eine Aufforderung gewesen, und die hätte anders gewirkt.
Genau daran unterscheidet sich diese Stellungnahme von den Fällen in dieser Sammlung, in denen eine Gruppe mit einem Spruchband arbeitete und der Adressat unklar blieb. Ein Text kann erklären; ein Banner kann es nicht.
Was ungeklärt bleibt
Ob die Zuschreibung eine Grundlage hatte. Zwischen den Anhängerschaften beider Vereine gab es Kontakte, und in dieser Sammlung ist für ein anderes Paar dokumentiert, dass eine Zeitung eine Fanfreundschaft berichtete, die vor Ort uneinheitlich ausfiel.
Fanfreundschaften bestehen zwischen Gruppen, nicht zwischen Vereinen – und deshalb kann eine Gruppe eine Zuschreibung zurückweisen, ohne dass die Kontakte einzelner damit bestritten wären.
Kleidung ist das einzige gemeinsame Ausdrucksmittel
Eine Kurve besteht aus Menschen, die sich überwiegend nicht kennen; was sie als Einheit erkennbar macht, sind Farben, Gesänge und Fahnen – und jedes fremde Zeichen darin verändert das Bild nach außen, ohne dass jemand darüber abgestimmt hätte.
Das ist keine Kleiderordnung. Es ist derselbe Anspruch, mit dem in dieser Sammlung eine andere Gruppe die Vereinsfarben im eigenen Fanshop einfordert: Über die Zeichen eines Vereins verfügen die, die sie tragen – und nicht die, die sie verkaufen oder verteilen.
Was aus der Sache wurde
Eine offizielle Fanfreundschaft zwischen den beiden Vereinen ist nicht entstanden. Die Facebook-Seite existierte weiter, wie solche Seiten weiterexistieren, und in den Kurven beider Vereine hat sich an den gewachsenen Verbindungen nichts geändert.
Für die Dokumentation zählt der Vorgang trotzdem: Er hält den Moment fest, in dem eine Ultragruppe zum ersten Mal gegen eine Zuschreibung schreiben musste, die niemand vertritt und die trotzdem messbar Zustimmung hatte.
Ob eine Zustimmungszahl überhaupt etwas über das Verhältnis zweier Kurven aussagt, war damit nicht geklärt und ist es bis heute nicht. Sie zählt Klicks, nicht Absprachen – und sie lässt sich von Leuten erzeugen, die in keinem der beiden Stadien je gestanden haben.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWer sind die Coloniacs?
Eine Ultragruppe des 1. FC Köln, aktiv in der Südkurve des Müngersdorfer Stadions. Sie tritt mit Choreografien und mit Stellungnahmen zu Vereins- und Kurvenfragen hervor.
Worum ging es 2014?
Um das vermehrte Auftauchen schwarzgelber Fanartikel im Stadion und in der Südkurve – als Sympathiebekundung für Borussia Dortmund. Die Gruppe wandte sich unter der Überschrift „Respekt und Toleranz“ dagegen.
Gibt es eine Fanfreundschaft zwischen Köln und Dortmund?
Eine offizielle nicht. Es existierte eine Facebook-Seite mit diesem Titel und über 42 000 Zustimmungen; die Kölner Gruppe verweist dagegen auf ihre gewachsenen Freundschaften und lehnt die Zuschreibung ab.