Hundertdreizehn Jahre und ein Fanzine
Der 1. FC Nürnberg wurde am 4. Mai 1900 gegründet. Dieser Beitrag erschien am Vorabend des 113. Gründungstags 2013, vor einem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen, mitten im Abstiegskampf.
Ein Jahr später stand an derselben Stelle derselben Rubrik der Geburtstagsgruß zum 114., und da war der Abstieg beschlossene Sache. Die beiden Texte nebeneinander sind der Grund, aus dem dieser hier erhalten bleibt.
Der Wunsch, mit dem der Text beginnt
Die zehnte Meisterschaft. Der Verein ist neunmaliger deutscher Meister, der letzte Titel liegt im Jahr 1968, und die Autorin nennt es ihren größten Wunsch, die zehnte noch zu erleben – mit dem Zusatz, dafür müssten einige Vereine aus der Liga verbannt werden.
Dieser Nachsatz ist die ganze Lage eines Traditionsvereins in einem Halbsatz. Neun Titel sind mehr als die meisten Klubs haben, und sie stammen aus einer Zeit, in der die wirtschaftlichen Abstände nicht bestanden, die ihn heute vom Aufstieg abhalten. Wer den zehnten will, wünscht sich nicht eine Mannschaft, sondern eine andere Liga.
Was der Text am Vorabend erwartet
Nichts Gutes. Der Verein hatte gegen den fränkischen Nachbarn und gegen einen von einem Unternehmer aufgebauten Verein schwach gespielt, die Relegation drohte, und die Autorin schreibt, dass ihr beim Gedanken an den nächsten Tag übel werde.
Der Satz, den sie dafür benutzt, ist der Beiname des Vereins in Kurzform: Der Verein sei nun mal der Verein und schaffe oft das Unmögliche – leider im negativen Sinn. Das ist dieselbe Selbstbeschreibung, die ein Jahr später als Vorwurf wiederkehrt.
Sie zitiert daneben den Trainer aus einer Vereinsmitteilung – Wille, Leidenschaft, Handlungsschnelligkeit, jeder müsse Farbe bekennen – und stellt darunter, sie höre die Botschaft wohl, allein ihr fehle der Glaube.
Die Freunde von der Insel
Zu diesem Heimspiel waren befreundete Anhänger eines englischen Vereins angereist, wie schon zum Hinspiel in Hamburg. Der Beitrag grüßt sie mit den Kürzeln beider Klubs.
Diese Freundschaft ist über die Jahre gepflegt worden und kommt in dieser Sammlung an mehreren Stellen vor – auch im Text zum 114. Geburtstag, wo sie den versöhnlichen Schluss trägt. Sie ist das Gegenstück zu dem, was Sicherheitsdebatten von Fanfreundschaften erwarten: keine Verabredung zur Auseinandersetzung, sondern gegenseitige Stadionbesuche über Jahre.
Der eigentliche Fund: ein Inhaltsverzeichnis
Der Beitrag wirbt für die 36. Ausgabe des Fanzines der eigenen Szene, das 2013 sein sechstes Jahr erreichte, und druckt dessen Inhaltsverzeichnis ab. Das ist der wertvollste Teil, weil Fanzines selten archiviert sind und ihre Themenauswahl sonst nirgends nachlesbar ist.
Die Ausgabe enthielt nach dieser Aufstellung: ein Titelthema über Zaunfahnenkultur; Spielberichte; Szenenachrichten; eine Rubrik mit Fanzine- und Buchbesprechungen sowie einer Fernsehdokumentation; Texte über die Rolle der Polizei bei Einsätzen und über Hausbesuche; einen Beitrag mit dem Titel, Sicherheit koste Menschenleben; eine Bilderstrecke zur Entstehung von Choreografien; einen Stadtteil-Beitrag über eine örtliche Legende; ein Kapitel über befreundete Gruppen im In- und Ausland mit Tour- und Spielberichten; und die Besprechung einer Recherche, bei der ein Journalist sich in die Neonazi-Szene begeben hatte.
Was diese Liste über eine Fanszene 2013 aussagt
Sie ist ein Querschnitt. Ein Drittel Fußball, ein Drittel eigene Kultur – Zaunfahnen, Choreografien, befreundete Gruppen –, ein Drittel Auseinandersetzung mit Polizei, Sicherheit und Rechtsextremismus.
Der letzte Teil ist der bemerkenswerte. Ein Heft, das eine Journalistenrecherche über die Neonazi-Szene besprechen lässt, betreibt Abgrenzungsarbeit nach innen – dieselbe Arbeit, die in dieser Sammlung als Auseinandersetzung um Rechtsextremismus in den Kurven und als Positionierung mehrerer Fanorganisationen dokumentiert ist.
Und das Titelthema Zaunfahnenkultur trifft genau den Gegenstand, um den in denselben Monaten gestritten wurde: In dieser Sammlung ist ein Verbot von Zaunfahnen auf einer Stadionseite dokumentiert, hergeleitet aus der zentralen Vermarktung.
Erstklassig geblieben, ein Jahr später abgestiegen
Der Verein blieb 2013 erstklassig und stieg ein Jahr später ab. Das Fanzine erschien weiter; Hefte dieser Art sind seither an vielen Standorten eingestellt worden, weil die Inhalte in sozialen Netzwerken schneller und kostenlos verbreitet werden.
Was dabei verloren geht, zeigt dieser Beitrag ungewollt: Von einem Heft bleibt ein Inhaltsverzeichnis, von einem Kanal bleibt nichts.
Häufige Fragen
Verfahren und FristenWann wurde der Verein gegründet?
Am 4. Mai 1900. Der Beitrag erschien am Vorabend des 113. Gründungstags, ein Jahr vor dem Abstieg, der den 114. begleitete.
Was ist ein Fanzine?
Ein von einer Fanszene selbst hergestelltes Heft, verkauft am Stadion – mit Spielberichten, Szenenachrichten, Rezensionen und politischen Texten. Das hier genannte Heft erschien 2013 in seinem sechsten Jahr.
Was stand in der 36. Ausgabe?
Unter anderem ein Titelthema über Zaunfahnenkultur, Spielberichte, Fanzine- und Buchbesprechungen, Texte über die Rolle der Polizei, ein Kapitel über befreundete Gruppen im In- und Ausland und eine Besprechung einer Recherche in der Neonazi-Szene.