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Hondos Welt

Eine Fanszene schreibt ihre eigene Geschichte

Zum 125-jährigen Bestehen des Hamburger SV im Jahr 2012 erschienen mehrere Bücher. Eines davon ist eine 660 Seiten starke Geschichte der eigenen Fanszene, geschrieben von einem Autorenkollektiv aus der Kurve – nach eigener Angabe in drei Jahren Arbeit.

Die Rezension in dieser Sammlung ist eine der wenigen, die eine solche Publikation nicht als Fanartikel behandelt, sondern als Quelle.

Was daran neu war

Die Perspektive. Eine Vereinschronik wird vom Verein herausgegeben, eine Fangeschichte in der Regel von Journalisten oder Wissenschaftlern geschrieben. Hier schreiben die Beteiligten selbst – und die Rezension nennt genau das als Grund für die Qualität des Materials: Bilder, Geschichten und Interviews, die Außenstehende nicht bekommen hätten.

Das ist der Vorteil und die Grenze in einem Satz. Eine Szene, die ihre eigene Geschichte schreibt, hat Zugang zu Quellen, die verschlossen bleiben, und sie entscheidet selbst, was davon vorkommt.

Was das Buch behandelt

Nicht nur die jüngere Vergangenheit, die der Titel vermuten lässt. Die Rezension hebt hervor, dass auch die Entwicklung der Vereinsstrukturen dargestellt wird – konkret, wie die Beteiligung der Anhänger über die Jahre erkämpft und formuliert wurde.

Das ist der Teil, von dem sie sagt, andere Vereine und Anhängerschaften könnten sich daran orientieren, und der Grund ist in dieser Sammlung nachvollziehbar: Beteiligungsrechte sind an den meisten Standorten nicht dokumentiert. Sie stehen in Satzungen, deren Entstehung niemand aufgeschrieben hat – ein Problem, das etwa bei der Jahreshauptversammlung eines anderen Vereins als Antragsstreit sichtbar wird, und bei der Ausgliederung desselben Hamburger Vereins zwei Jahre später zur offenen Frage wurde.

Die Kritik

Sie betrifft die Gewichtung. Nach Einschätzung der Rezension nimmt das Thema Gewalt über mehrere Kapitel hinweg zu viel Raum ein, und sie stellt die Frage, ob alles davon dokumentiert werden musste.

Der Autor bezeichnet das ausdrücklich als Geschmacksfrage und nicht als Mangel. Trotzdem ist es der interessanteste Satz der Rezension, denn er beschreibt ein Dilemma jeder Selbstdarstellung einer Fanszene: Gewalt weglassen heißt beschönigen, Gewalt ausführlich behandeln heißt das Klischee bestätigen, gegen das dieselbe Szene sich wehrt.

Dieselbe Sammlung dokumentiert die andere Seite davon in der Auseinandersetzung um die Statistik der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze: Wenn Zahlen ohne Bezugsgröße wiedergegeben werden, entsteht dasselbe Bild, das ein Kapitel über Auseinandersetzungen in einem 660-Seiten-Buch erzeugen kann.

Die zweite Publikation

Neben dem Fanbuch nennt die Rezension eine 159 Seiten starke Festschrift, die der Verein an seine Mitglieder verschickte, verantwortet von einem Autor, der zuvor eine Vereinsgeschichte aus Fansicht geschrieben hatte.

Der Unterschied zwischen beiden Büchern ist der Punkt: Das eine kommt vom Verein und geht an die Mitglieder, das andere kommt aus der Kurve und muss gekauft werden. Die Rezension vermutet, dass das Fanbuch kommerziell wenig erfolgreich sein wird, und trifft damit die übliche Lage solcher Projekte.

Was ein solches Buch für ein Archiv bedeutet

Es ist die einzige Form, in der eine Fanszene Bestand hat. Diese Sammlung besteht aus datierten Beiträgen über einzelne Vorgänge; ein Buch dieser Art fasst dreißig Jahre zusammen und konserviert das Material, das sonst auf privaten Festplatten liegt – dieselbe Aufgabe, die sich an anderer Stelle ein Fanprojekt mit einem Aufruf zu Fotos stellte, nur in einem Umfang, der Jahre Arbeit kostet.

Die Rezension schließt mit dem Satz, jede Fanszene eines Traditionsvereins verdiene ein solches Buch. Das ist Lokalstolz und eine zutreffende Feststellung zugleich: Wo es keines gibt, ist die Geschichte einer Kurve nach zwei Generationen nicht mehr rekonstruierbar.

Wer „Kinder der Westkurve“ meint

Der Titel bezeichnet nicht eine Generation, sondern eine Herkunft: Menschen, die in dieser Kurve sozialisiert wurden und von dort aus auf Erscheinungen, Moden und Konflikte des Fußballs blicken. Die Rezension hebt das als die tragende Entscheidung des Buches hervor – nicht ein Bericht über eine Szene, sondern ein Bericht aus ihr.

Daraus folgt der Adressat, den sie am Ende benennt: nicht die Älteren, für die nichts davon neu ist, sondern die Zugekommenen der 2000er Jahre, denen das Buch zeigen soll, dass es neben dem vermarkteten Erlebnis eine andere Welt des Fansseins um denselben Verein gibt.

Das ist derselbe Zweck, den die Beiträge dieser Sammlung im Kleinen erfüllen, und der Grund, aus dem eine 660-Seiten-Chronik und ein datierter Blogeintrag zur selben Gattung gehören.

Was aus dem Genre geworden ist

Es hat sich etabliert. Mehrere Fanszenen haben seither eigene Chroniken herausgegeben, teils über Fanprojekte, teils über Vereinsverlage, und einzelne davon sind in Bibliotheken katalogisiert. Die Rezension liegt damit richtig, ohne es zu wissen – sie beschreibt den Anfang einer Reihe und nicht einen Einzelfall.

Häufige Fragen

Verfahren und Fristen

Um welches Buch geht es?

Um „Kinder der Westkurve“, eine Geschichte der HSV-Fanszene: 660 Seiten, 24 × 30 cm, rund 2 000 Abbildungen, durchgehend farbig, Hardcover, 39,90 Euro, ISBN 978-3-00-039323-5. Erschienen 2012 zum 125-jährigen Bestehen des Vereins.

Wer hat es geschrieben?

Ein Autorenkollektiv aus der Fanszene selbst, das nach eigener Angabe drei Jahre daran gearbeitet hat – keine Vereinspublikation und keine journalistische Auftragsarbeit.

Was ist die Kritik der Rezension?

Dass das Thema Gewalt über mehrere Kapitel hinweg zu stark gewichtet sei, und die Frage, ob alles davon habe dokumentiert werden müssen. Die Rezension bezeichnet das ausdrücklich als Geschmacksfrage.