FankulturDokumentation · Deutschland
Matzes Viererkette

Dialog vor dem Derby

Vor dem Revierderby im Oktober 2012 gab es zwei Vorgänge, die der Beitrag nebeneinander stellt. Die Polizei lud die Fanszenen zu Gesprächen, um einen friedlichen Ablauf sicherzustellen. Und rund um das Stadion galt ein Flaschenverbot.

Beides fiel in den Herbst 2012 – die Wochen, in denen das Konzeptpapier der Liga entstand und in denen das Wort Dialog in jeder Verlautbarung stand.

Das Bild, mit dem der Beitrag arbeitet

Familientherapie. Die Polizei tritt als Erziehungsberatung auf, die beiden Fanszenen sind die zerstrittenen Kinder, und die Aufforderung, eine friedliche Einigung zu finden, wird als Angriff auf die Familienehre gewertet, worauf es eskaliert und niemand schuld gewesen sein will.

Der Vergleich ist grob, und er trifft einen Punkt, den ernsthafte Beiträge derselben Zeit umständlicher formulieren: Ein Gespräch, das Wohlverhalten zum Ergebnis haben soll, ist kein Gespräch zwischen Gleichen. Die Beteiligten bringen nicht Positionen ein, sondern bestätigen Bedingungen.

Genau dieser Einwand steht in dieser Sammlung mehrfach in der ernsten Fassung, etwa in der gemeinsamen Erklärung von Union Berlin und im Brief aus Mannheim: Beteiligung, die nach der Entscheidung stattfindet, ist keine.

Was ein Revierderby für die Einsatzplanung bedeutet

Es ist die aufwendigste Ansetzung des deutschen Spielbetriebs. Die Stadien liegen rund dreißig Kilometer auseinander, beide Anhängerschaften sind sechsstellig, und die Anreise führt durch ein zusammenhängendes Siedlungsgebiet, in dem sich beide Seiten auf jedem Bahnsteig begegnen können.

Einsätze in dieser Größenordnung binden Kräfte aus dem ganzen Bundesland und werden über Wochen vorbereitet. Daraus folgt die Logik, die der Beitrag beschreibt: Wer so viel plant, will Zusagen – und ein Gesprächsangebot vier Tage vor dem Spiel dient dann nicht der Verständigung, sondern der Absicherung der eigenen Planung.

Was ein Flaschenverbot bedeutet

Es ist eine Maßnahme mit einer klaren Begründung – Glas ist ein Wurfgeschoss – und mit einer Wirkung, die weit über den Anlass hinausgeht. Sie trifft den Weg zum Stadion, die Kneipen im Umfeld und jeden, der etwas mitbringt.

Der Beitrag zieht daraus eine Pointe über Ehrengäste, die von einer solchen Regel ebenfalls betroffen seien. Ob das zutraf, ist von außen nicht zu prüfen; als Beobachtung über Sicherheitsauflagen ist der Punkt trotzdem einer: Sie werden über einen Raum verhängt, nicht über Personen, und sie erreichen deshalb regelmäßig andere als die Gemeinten.

Der zweite Teil: eine Begegnung ohne Rivalität

Der Beitrag empfiehlt der Polizei ein Freundschaftsspiel zwischen zwei Vereinen, die im Herbst 2012 als Gegenbild zum Revierderby galten – ein Werksklub aus dem Kraichgau und ein damals in der Regionalliga spielender Verein aus Leipzig, dessen Namensgebung die Werbebeschränkung der Statuten umgeht.

Der Witz ist, dass es dort nichts zu bewachen gäbe. Er ist gleichzeitig die Kernaussage der Kommerzkritik dieser Jahre: Wo keine gewachsene Rivalität besteht, entsteht auch keine Atmosphäre – und was Sicherheitskonzepte einzuhegen versuchen, ist dieselbe Energie, aus der das Produkt besteht.

Diese Argumentation ist in dieser Sammlung an mehreren Stellen dokumentiert, von den Lizenzauflagen des Verbandes bis zu den Spruchbändern gegen diesen Verein fünf Jahre später.

Was der Beitrag über seine Gattung verrät

Er ist eine Kolumne von wenigen Hundert Wörtern, geschrieben von einem Anhänger eines der beteiligten Vereine, vier Tage vor dem Spiel. Sie nennt Funktionäre bei Spitznamen, arbeitet mit Fernsehformaten als Vergleich und endet mit einem Derbygruß.

Als Analyse ist das nichts, und sie beansprucht es nicht. Als Quelle ist es die Tonlage einer Fanszene in der Woche vor einem Hochrisikospiel – und diese Tonlage ist der Grund, aus dem die Dialogangebote derselben Wochen nicht angenommen wurden.

Die persönlichen Spitzen gegen namentlich Genannte sind hier nicht wiedergegeben. Sie sind Beschimpfung, nicht Argument, und der Beitrag verliert nichts, wenn man sie weglässt.

Wie das Derby ausging

Der Gast gewann am 20. Oktober 2012 mit 2:1 beim amtierenden Meister. Größere Zwischenfälle sind für diese Begegnung nicht dokumentiert – was über die Wirkung der Dialogrunden ebenso wenig aussagt wie über die des Flaschenverbots, weil bei den meisten Derbys nichts geschieht.

Häufige Fragen

Verfahren und Fristen

Wann war dieses Derby?

Der 8. Spieltag der Saison 2012/13, Borussia Dortmund gegen den FC Schalke 04 am 20. Oktober 2012 im Signal-Iduna-Park. Es endete 1:2.

Was waren die Dialogrunden?

Gesprächsangebote von Polizei und Vereinen an die Fanszenen im Vorfeld eines Hochrisikospiels – im Herbst 2012 Teil derselben Debatte, aus der das Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ hervorging.

Was kritisiert der Beitrag daran?

Den Zeitpunkt und die Rollenverteilung: Ein Gespräch, das kurz vor dem Spiel angesetzt wird und einen Ablauf garantieren soll, ist kein Dialog, sondern eine Absprache über Bedingungen, die schon feststehen.