FankulturDokumentation · Deutschland
Beobachtung

Eine Rangliste der Vereinslieder

Im November 2012 erschien eine Rangliste der zehn misslungensten Vereinslieder, zusammengestellt aus Einsendungen der Leserschaft. Der Beitrag bedankt sich eingangs dafür – und hält fest, wie viel Selbstkritik und Selbstironie darin lag, in einer Zeit, in der Fußballanhängern eine Radikalisierung nachgesagt wurde.

Dieser Nebensatz ist die eigentliche Einordnung. Er stammt aus denselben Wochen wie das Sicherheitspapier der Liga und die bundesweiten Proteste, und er benennt, was in der Debatte über Fankultur nie vorkam: dass sie sich hauptsächlich über sich selbst lustig macht.

Der Bausatz

Der erste Eintrag ist keine Kritik, sondern eine Bauanleitung. Der Beitrag setzt eine Hymne Schritt für Schritt zusammen: getragener Marschrhythmus, sphärische Klangflächen im Mittelteil, Rockgitarre im Refrain, Stadionatmosphäre darunter, ein mitgrölbares „Ooohohooo“ als Einstieg, ein Sänger mit regionaler Färbung, ein Wahrzeichen der Stadt, der Vereinsname im Refrain und Wörter wie Macht, Sonne und für immer.

Danach folgt das Beispiel, das genau so klingt. Diese Reihenfolge – erst das Verfahren, dann der Fall – ist der stärkste Teil des Textes: Sie zeigt, dass die Lieder nicht schlecht gemacht sind, sondern nach einem Muster gemacht.

Was die Liste durchmisst

Sie reicht von der Bundesliga bis in die Verbandsliga. Ein Klub mit einem sehr großen Liedbestand kommt vor, mit der Beobachtung, dass sich eine Stunde vor Anpfiff 36-mal aus den Lautsprechern feststellen lässt, dass dieser Verein nicht untergeht. Ein Drittligist aus Baden erklärt seine Farben zu denen der Nation, was der Beitrag mit dem Hinweis versieht, dass sie es seit 1871 nicht mehr sind. Ein Verein aus einer Gemeinde mit 2 800 Einwohnern in Vorpommern nennt sich im eigenen Lied die beste Mannschaft der Liga und führt darin sein Taktikschema auf.

Dazu Umdichtungen bekannter Lieder – ein Liebeslied, dessen Attribute gegen Vereinsattribute getauscht wurden, und ein Welthit, dessen Bearbeitung der Beitrag für die schlechteste Fassung hält, die davon existiert.

Der Rap

Ein Eintrag betrifft einen Musiker, der eine erste Platte veröffentlicht hatte und dem der Beitrag Talent bescheinigt – und der ein Stück für einen konzerngeführten Verein aufgenommen hatte.

Die Kritik ist keine musikalische, sondern eine über Glaubwürdigkeit: Wenn im Rap die Glaubwürdigkeit zählt, ist ein Auftragsstück für diesen Verein das Gegenteil davon. Dieselbe Auseinandersetzung ist in dieser Sammlung an mehreren Stellen dokumentiert, von den Lizenzauflagen von 2014 bis zu den Spruchbändern von 2017.

Die Wortspiele

Ein Teil der Liste ist reines Sprachspiel: Der Titel eines Liedes über eine Nationalspielerin funktioniert nur, weil ihr Nachname eine Tageszeit ist, und der Beitrag spielt die Reihe mit weiteren Spielernamen durch.

Als Kritik ist das nichts, als Textsorte alles. Es ist derselbe Mechanismus wie in der Glosse über vier Vereinsaufkleber und in der Satire über Boulevardsprache derselben Rubrik: eine Beobachtung, die niemandem schadet, ausgebaut bis zur Erschöpfung.

Der ernste Schluss

Er kommt in zwei Absätzen und ist der Grund, aus dem dieser Beitrag mehr ist als eine Spottliste.

Der erste hält fest, dass ein Vereinslied als Zeichen des Klubs so sinnvoll ist wie Farben und Wappen, dass es gute gibt – und dass der Eindruck überwiegt, es würden Pflichtrituale hergestellt, weil andere auch eines haben. Dazu die Frage, wozu es neben der größten Freude, die ein Anhänger kennt, überhaupt eine Torhymne braucht.

Der zweite ist der wichtigere: Es gibt Lieder, die mehr sind als eine Melodie. Der Beitrag nennt den Gefangenenchor aus einer Oper von Verdi, der zu seiner Zeit ein politisches Lied war und eine Verwendung im Fußball nicht verdient habe, und verweist auf eine Torhymne, deren Vorlage in einer anderen Sprache ein Trink- und Kampflied war.

Das ist ein Maßstab, und er gilt über den Anlass hinaus: Ein Lied bringt seine Herkunft mit. Wer es übernimmt, übernimmt sie – und in dieser Sammlung ist derselbe Punkt bei Bannern, Gesängen und Bezeichnungen mehrfach der Kern der Auseinandersetzung.

Häufige Fragen

Verfahren und Fristen

Wie ist die Liste entstanden?

Aus Einsendungen der Leserschaft. Der Beitrag bedankt sich eingangs dafür und hebt hervor, wie viel Selbstkritik und Selbstironie darin lag.

Welche Vereine kommen vor?

Von der Bundesliga bis in die Verbandsliga – unter anderem Klubs aus Bayern, dem Ruhrgebiet, Baden, Ostwestfalen, Hessen und zwei Vereine aus Vorpommern.

Was ist der ernste Punkt am Ende?

Dass ein Vereinslied ein sinnvolles Zeichen ist, viele aber nur als Pflichtritual entstehen – und dass es Lieder gibt, deren Herkunft eine Verwendung im Stadion nicht zulässt.