Getrennt in den Farben
Der Beitrag beginnt mit einer Frage über die Gesellschaft und nicht über den Fußball: Wie es in Deutschland sein könne, dass Rechtsextremismus so nachlässig behandelt wird – dass nach jeder berichteten rechten Gewalttat alle schockiert sind und danach wieder nichts geschieht.
Der Bezug zum Fußball
Er ist im Text direkt benannt: Auch in deutschen Fanszenen und Stadien sind Neonazis aktiv, und um deren Ablehnung bemüht sich oft nur eine kleine Gruppe, während viele andere daneben stehen.
Das ist die Beschreibung, um die es geht, und sie ist unbequem für beide Richtungen. Sie behauptet nicht, Fanszenen seien rechts – sie behauptet, dass die Auseinandersetzung von Wenigen geführt wird.
Der Vorwurf gegen Vereine und Verbände
Man könnte hoffen, dass sie Vorbild sind und zeigen, wie man gegen Neonazis vorgeht, statt bei Symbolik zu bleiben. Der Beitrag hält dagegen, dass ihr Handeln genau dem entspreche, was Polizei, Staat und Öffentlichkeit auch tun – er nennt als Beispiel eine der bekannten Kampagnen jener Jahre.
Damit ist die Kritik präzise: nicht am Ziel, sondern an der Form. Eine Kampagne ist ein Bekenntnis; ein Konzept ist eine Handlungsanweisung für den Fall, dass etwas passiert.
Was er stattdessen fordert
Konkrete Konzepte und Überlegungen, wie vorzugehen ist, wenn rechte Gruppen in die Kurven drängen und Anhänger auf deren Gesinnung aufmerksam werden – und dass dies Teil des Dialogs zwischen Fans, Vereinen, Verbänden und Polizei wird.
Das ist die entscheidende Verschiebung. Der Dialog, um den in dieser Sammlung an vielen Stellen gerungen wird – über Sicherheitspapiere, Stadionverbote und Anstoßzeiten –, soll diesen Punkt mitverhandeln.
Was von den Fans verlangt wird
Der Beitrag formuliert es als Ziel für alle, die den Fußball und ihren Verein lieben: ein offensiver Kampf gegen rechts, den jeder nach seinen Möglichkeiten führt – einschließlich Hinweisen aus den Kurven an Verein und Polizei, wenn rechte Symbole oder Verhaltensweisen auftreten.
Dieser letzte Punkt ist der schwierigste, und der Text weiß das. In derselben Zeit lehnten Fanszenen die Mitwirkung an der Aufklärung ab, wenn sie von Verband oder Polizei eingefordert wurde – dokumentiert in dieser Sammlung als Loyalitätsforderung des Ligaverbandes. Hier kommt dieselbe Forderung aus der Kurve selbst, für einen anderen Zweck.
Warum der Titel so lautet
Getrennt in den Farben, in der Sache vereint: Der Satz beschreibt die einzige Konstellation, in der dieser Kampf funktionieren kann – vereinsübergreifend, ohne die Rivalitäten aufzugeben.
Genau diese Kombination ist selten. Fanfreundschaften sind in dieser Sammlung typologisiert, gemeinsame Aktionen aller Ligen sind es nur beim Protest gegen Verbandsbeschlüsse. Ein gemeinsames Vorgehen gegen rechte Strukturen wäre die dritte Form – und es ist die, die zwölf Jahre später weiter aussteht.
Ein vorhersehbarer Fall, jedes Mal improvisiert
Der Fall, um den es geht, ist vorhersehbar und wird trotzdem jedes Mal improvisiert: Eine Gruppe mit rechten Symbolen erscheint im Block, und dann entscheidet der Ordner, der zufällig davorsteht. Ob das Symbol verboten ist, ob es die Stadionordnung erfasst, wer zuständig ist und was danach passiert, weiß in diesem Moment niemand.
Ein Konzept beantwortet genau diese vier Fragen im Voraus. Es ist damit das Gegenteil einer Kampagne – unspektakulär, nicht zitierfähig und im Ernstfall das Einzige, was hilft.
Was sich seither verändert hat
An mehreren Standorten gibt es inzwischen, was der Beitrag 2013 forderte: Regelwerke, die diskriminierende Symbole und Verhaltensweisen ausdrücklich benennen, Meldewege innerhalb der Fanabteilungen, Bildungsarbeit und Fanprojekte, die diesen Teil ausdrücklich übernehmen.
Entstanden ist das nicht durch Verbandsbeschluss, sondern an einzelnen Standorten und überwiegend auf Initiative von Fanabteilungen. Der Befund des Beitrags – dass sich eine kleine Gruppe darum bemüht, während viele daneben stehen – ist damit teilweise überholt und in der Sache unverändert.
Die Ausgangsfrage bleibt offen
Der Beitrag beginnt mit der Beobachtung, dass jede berichtete rechte Gewalttat Erschütterung auslöst und danach nichts folgt – und diese Beobachtung war 2013 nicht neu. Sie fiel in die Jahre, in denen die Aufarbeitung einer Mordserie zeigte, wie lange rechte Strukturen unbemerkt bleiben konnten.
Für den Fußball folgt daraus keine Sonderrolle, sondern eine Zuständigkeit: Ein Stadion ist einer der wenigen Orte, an denen zehntausende Menschen regelmäßig zusammenkommen und an dem eine Hausordnung gilt, die der Veranstalter selbst schreibt. Wer dort etwas ausschließen will, kann es – und muss es nicht erst begründen.
Genau darin liegt die Chance, die der Text benennt, und der Maßstab, an dem er Vereine und Verbände misst.